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Archivale des Monats Mai 2016

 

Schlechtes Wetter, lockende Kohle, drohender Krieg –

Alltag am Niederrhein vor 150 Jahren

 

Alltag in der Vergangenheit – regelmäßige Archivnutzerinnen und -nutzer kennen das Problem, dass gerade der Alltag in seiner Regelmäßigkeit und Routine oft nur schwer aus den Quellen rekonstruierbar ist. Normalität wurde selten aufgezeichnet und verschriftlicht, während die Besonderheit, der Bruch mit dem Bekannten, schnell zu Gerichts- oder Verwaltungsakten führte. Vor diesem Hintergrund kommt Archivgut, das einen Blick in den Alltag geben kann, eine besondere Bedeutung zu. Hierzu zählen sicherlich auch die sogenannten Zeitungsberichte, also jene periodischen Berichte, die in der preußischen Verwaltung (im Rheinland also seit ungefähr 1815) angefertigt wurden, um die lokalen oder regionalen Verhältnisse regelmäßig an die nächsthöhere Verwaltungsebene zu melden. Bürgermeister schrieben Zeitungsberichte an den Landrat, Landräte und Oberbürgermeister an den Regierungspräsidenten, Regierungspräsidenten an den König. Damit sollte jede Verwaltungsebene über allgemeine und besondere Vorgänge in ihrem Sprengel informiert sein. Entgegen den wortverwandten Presseerzeugnissen waren Zeitungsberichte nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern stellten verwaltungsinternes Schriftgut dar.

 

Beispielhaft sei an dieser Stelle ein Zeitungsbericht in Augenschein genommen, der die Inhalte dieser Quellengruppe gut illustriert: Vor beinahe genau 150 Jahren, am 30. Mai 1866, verfasste der Bürgermeister zu Homberg (heute Duisburg) einen Zeitungsbericht an den vorgesetzten Landrat von Moers. Es war nur einer in einer ganzen Reihe von regelmäßigen Zeitungsberichten, diesmal ging es um die Lage in den Monaten April und Mai des genannten Jahres. Der Bürgermeister gliederte seinen Bericht vorschriftsmäßig in 12 Punkte: Witterung, Mortalität, Wohlstand im Allgemeinen, Landescultur, Gewerbebetrieb, Schulbesuch, Verbrechen, Polizei, Öffentliche Bauten, Abgaben, Militairwesen, Verschiedenes. Aus diesen Punkten ergibt sich ein Blick auf das Leben in der kleinen Stadt Homberg am linken Niederrhein am Vorabend großer politischer und wirtschaftlicher Veränderungen:

 

Der Frühling lässt im Jahre 1866 am Niederrhein auf sich warten. Kalte Winde aus Nord und Nordost bestimmen fast im gesamten April und Mai das Wetter, auch Regen fällt wenig. Erst ein starkes Gewitter am 26. Mai läutet eine wärmere Phase ein. Entsprechend schlecht sind die Feldfrüchte gewachsen, wenn auch die Winterfrüchte hiervon kaum betroffen sind und gut stehen. Nun wartet die Arbeit auf den Feldern und es bieten sich gute Verdienstmöglichkeiten, allein an Arbeitskräften mangelt es. Der Grund liegt in der politischen Großwetterlage, denn Krieg liegt in der Luft: Der Konflikt zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft im Deutschen Bund steht kurz vor der Eskalation und in Homberg bemerkt man nicht nur das Fehlen der Einberufenen, sondern sieht am 29. und 30. Mai auch die Rheinüberquerung von rheinischen Jäger- und Landwehr-Bataillonen sowie von einem westfälischen Infanterie-Bataillon. Wenn der Krieg auch fern bleiben wird, so spürt der Bürgermeister doch die Folgen, sind manche Tagelöhner-Familien doch wegen des einberufenen Familienoberhaupts auf Unterstützung angewiesen. Auch wenn die Landwirtschaft noch die meisten Arbeitskräfte beansprucht, sind die ersten Indizien für den kommenden wirtschaftlichen Umbruch der Region doch zu erkennen: Im Süden Hombergs hat bereits einige Jahre zuvor der Unternehmer Franz Haniel die Zeche Rheinpreußen gegründet. Die Anfänge sind aber schwer. Seit fast zehn Jahren ist man schon mit Abteufarbeiten beschäftigt und die Arbeit bleibt mühselig. Anfang April frisst sich der Bohrkopf von Schacht 1 auf mehr als 85 Metern Tiefe fest und kann nur mit schwerem Gerät geborgen werden, ein Einsatz, dem das Fördergerüst weitgehend zum Opfer fallen muss. Im Mai wird dann aber die Tiefe von 90 Metern erreicht. Bescheiden dagegen der Schacht 2, der noch keine 10 Meter in die Tiefe ragt. Und auch am Rheinufer macht sich das anbrechende Industriezeitalter bemerkbar: Am Bahnhof von Homberg wird eine schiefe Ebene fertiggestellt, die eine neue Verbindung zum Trajekt Homberg-Ruhrort herstellt. Die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft, seit Jahreswechsel im Besitz der Bahnstrecke von Ruhrort nach Krefeld, verspricht sich eine weitere Steigerung der bisher schon mehrere zehntausend Waggons umfassenden jährlichen Fährkapazität in Richtung Ruhrorter Häfen. Doch abseits dieser Hektik der Moderne verläuft das Leben noch in manchen traditionellen Strukturen: An Ostern feiert die Bevölkerung nicht nur die Auferstehung Christi, sondern es werden an den Schulen auch die Entlassungsprüfungen abgehalten. Krankheiten können noch lebensbedrohend sein wie etwa die Menschenblattern (Pocken), die mehrere Todesfälle fordern. Und eine Ahnung von historischen Dimensionen gibt die Goldene Hochzeit des Johann Röppenbecker, der mit seinen 75 Jahren als Veteran der französischen Armee (aus Napoleons Zeiten) tituliert wird.

 

Die kleinen Geschehnisse in Stadt und Land treten in einem Zeitungsbericht also zu Tage und lassen sich in Zusammenhang mit größeren Entwicklungen bringen. Zusammengenommen bieten sie ein flächendeckendes Netz aus lokalen Meldungen, die bei den Regierungspräsidenten zu einem regionalen Gesamtbild zusammengefügt werden. Dort allerdings verschwinden dann viele örtliche Details – die obigen Angaben aus Homberg beispielsweise sind im Zeitungsbericht des Regierungspräsidenten zu Düsseldorf an den preußischen König nicht mehr erkennbar – und werden durch größere Entwicklungslinien überformt, die insbesondere politische und wirtschaftliche Schwerpunkte setzen.

 



LAV NRW R BR 0035 Nr. 88: Landratsamt Moers: Zeitungsberichte (1860-1880)