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Archivale des Monats Februar 2017

 

„Ein wirksames Disciplinarmittel…“ – das Züchtigungsrecht der Lehrer

 

Ende Januar wurden die Halbjahreszeugnisse vergeben und damit die Wertung über den schulischen Erfolg der letzten Monate. Auch wenn diese Monate bei manchem vielleicht nicht so abgelaufen sein mögen wie erwünscht, so bleibt heutigen Schülern doch das erspart, was frühere Generationen von Schülern bei Fehlverhalten erdulden mussten: körperliche Strafen, im Amtsdeutsch Züchtigungen genannt.

 

Auch im Rheinland war die häusliche und auch schulische Erziehung über Jahrhunderte untrennbar mit pädagogisch verstandener Gewaltanwendung verbunden. Nach einer ersten Einschränkung in der französischen Zeit zwischen 1794 und 1814 war sich die neu konstituierte preußische Schulaufsicht in Gestalt der beiden Konsistorien zu Koblenz und Köln offenbar unsicher, wie mit dem Züchtigungsrecht der Lehrer umgegangen werden sollte. In einer gemeinsamen Sitzung am 6. Oktober 1824 referierte der Konsistorialrat Grashof darüber, dass häufig Beschwerden von Eltern über die körperliche Züchtigung ihrer Kinder an den Schulen eingehen würden. Unklar wäre, ob diese Züchtigungen noch verboten seien und ob nicht die Aufhebung eines eventuellen Verbots angestrebt werden solle. Der Konsistorialrat Küppers wies darauf hin, dass der Appellationsgerichtshof Köln bereits zu Gunsten eines Lehrers geurteilt habe und darauf das Ministerium für geistliche Angelegenheiten einen entsprechenden Erlass für die betroffene Regierung in Trier gefertigt habe. Im Kreise der Konsistorialräte einigte man sich dahingehend, dass „mäßige körperliche Züchtigungen […] in manchen Fällen für angemessen und nöthig erkannt“ werden. Solche dürften aber nur „ohne Leidenschaft“ und „mit großer Mäßigung“ ausgeübt werden. Damit war man im Rheinland auf einer Linie mit der gesamtstaatlichen Entwicklung, die am 14. Mai 1825 ihren Ausdruck in einer allerhöchsten Kabinetts-Ordre fand: Erlaubt wurden schulische Körperstrafen, die aber niemals die „der Schulzucht gesetzten Schranken“ oder das „Maaß der Züchtigung“ überschreiten sollten.

 

Das war die Richtschnur, nach der Generationen von Lehrern und Schulaufsichtsbeamten nun handelten – auch wenn die Definitionen watteweich blieben und einem Missbrauch nur wenig vorbeugten. Auch wenn offenkundig regelmäßig Verletzungen durch Körperstrafen vorkamen, die in bisweilen deutlichen Worten in den Akten beschrieben werden, so hielt man diese doch stets für individuelle Überschreitungen eines grundsätzlich richtigen Züchtigungsrechts, nicht aber für ein strukturelles pädagogisches Problem. Das Züchtigungsrecht bedurfte sozusagen der Manneszucht des Lehrers, der sich nicht hinreißen lassen durfte, sondern Strafen besonnen und ruhig vollziehen sollte. Alle Versuche, eine korrekte Anwendung des Züchtigungsrechts gerichtlich überprüfen zu lassen, betrachtete die Schulaufsicht mit großer Skepsis.

 

Erst 1927 machte das preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung erste vorsichtige Versuche zur Eingrenzung des Züchtigungsrechts der Lehrer. Eine vollkommene Abschaffung schien ihm angesichts einer weitverbreiteten Zustimmung nicht möglich. Nach einem Rückschritt unter dem NS-Regime erneuerte das nordrhein-westfälische Kultusministerium den Willen zur völligen Abschaffung, wenngleich das tatsächliche Verbot dann erst im Jahre 1971 erfolgte.



LAV NRW BR 0005 Nr. 17657, Bl. 8r: Regierung Aachen: Ausübung des Züchtigungsrechts durch Lehrpersonen (1824)