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Archivale des Monats Oktober 2017  

Erstmalige Gestaltung des Schulunterrichts für sogenannte Gastarbeiterkinder durch den Kultusminister (18. Juli 1968) 


AdM Oktober S1 

 LAV NRW BR 1025 Nr. 218, Bl. 16-20: Regierung Düsseldorf: Schulunterricht für Kinder ausländischer Arbeitnehmer (1965-1973)

 

„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“, so lautet ein berühmt gewordenes (wenn auch leicht abgewandeltes) Zitat des Schriftstellers Max Frisch über die sogenannten Gastarbeiter in der jungen Bundesrepublik Deutschland. Zum Ausdruck kommt darin das Staunen über etwas eigentlich zutiefst Normales, nämlich den Wunsch dieser Menschen, sich nicht bloß als Arbeitsnomaden zu verstehen, sondern Gemeinschaft, Dazugehörigkeit und vielleicht sogar Heimat zu erfahren. Irrig war die Annahme der deutschen Gesellschaft, dass diese Menschen ihr Glück darin fänden, schwer zu arbeiten und Geld zu verdienen, dann aber irgendwann wieder verschwinden würden.


Die Probleme, die mit einer solchen Annahme einhergingen, sind auch mehr als sechs Jahrzehnte nach dem ersten Anwerbeabkommen (1955) noch nicht endgültig gelöst. So sind etwa die Bildungschancen noch heute durchaus mit der Herkunftsfrage verknüpft. Schon früh zeigte sich gerade an der Frage der Schulbildung der sogenannten Gastarbeiterkinder, wie gut oder wie schlecht die Integration in die Mehrheitsgesellschaft gelingen konnte.

 
Zuerst einmal dauerte es, bis Politik und Schulverwaltung überhaupt ein Problem wahrnahmen. Man ging davon aus, dass die sogenannten Gastarbeiter allenfalls in ihrem Herkunftsland eine Familie zu versorgen hätten, nicht aber in Deutschland. Ihre Kinder wurden als seltene Sonderfälle angesehen, für die ein Erlass des Kultusministeriums aus dem Jahr 1953 galt: Ausländischen Kindern sollten sich die Klassenlehrerinnen und -lehrer mit besonderer Sorgfalt annehmen. 


Dass diese Regelung eigentlich eine Nicht-Regelung war, die keineswegs geeignet war, komplexen gesellschaftlichen oder pädagogischen Herausforderungen gerecht zu werden, wurde in den 1960er Jahren zunehmend spürbar. Ausländische Kinder wurden zur Normalität, auf die das deutsche Schulsystem aber nur unzureichend vorbereitet war: Eine Schulpflicht bestand anfänglich gar nicht, so dass der Schulbesuch allein vom Interesse der Eltern abhing (und gerade bei älteren Kindern mit innerfamiliären Aufgaben konkurrieren musste). Erst 1966 wurde die Schulpflicht für alle Kinder obligatorisch, die ihren regulären Aufenthalts- oder Wohnort in Nordrhein-Westfalen hatten. 1968 folgte dann der endgültige Erlass des Kultusministeriums, wie denn der Unterricht für die Gastarbeiterkinder auszusehen hatte: Eigene Übergangsklassen sollten für eine begrenzte Zeit den Unterricht in der Herkunftssprache ermöglichen und zugleich an die deutsche Sprache heranführen. Gegebenenfalls konnte zusätzlicher Förderunterricht in Deutsch erteilt werden. Verpflichtend war auch heimatkundlicher Unterricht zum Herkunftsland, um die Bindung zur dortigen Kultur nicht abbrechen zu lassen. Ausländische Lehrer hatten den Anforderungen des Herkunftslandes zu genügen und auch in die Schulaufsicht waren dessen konsularische Vertreter eingebunden. Erst nach zwei Jahren sollte der Übergang in den regulären Unterrichtsbetrieb erfolgen. Deutlich zu erkennen ist das Bestreben, den Kindern angemessenen Unterricht zu erteilen, von einer Integration war aber kaum zu reden.


Wie nötig der Bedarf nach einer Verbesserung der schulischen Situation aber ganz allgemein war, zeigte letztlich auch die nordrhein-westfälische Statistik zum Schuljahr 1968/69: Von 1.070 ausländischen Schülerinnen und Schülern, die die Hauptschule nach der neunten Klasse beendeten,  erhielten 646 keinen Abschluss. Lediglich 21 Schülerinnen und Schüler erhielten die Befähigung zum Besuch der zehnten Klasse zuerkannt. Selbst in einer Zeit, in der Bildung noch nicht als ein solch grundsätzlicher Schlüssel zum beruflichen Erfolg verstanden wurde wie heute, waren das verheerende Zahlen.

 
Nichtsdestotrotz war mit genanntem Erlass aber der Anfang gemacht, um ausländische Kinder in das deutsche Schulsystem zu integrieren. Ein Endpunkt dieser Bildungsdiskussion ist trotz aller Fortschritte aber auch im Jahre 2017 noch nicht erreicht.