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Archivale des Monats März 2019 

Empfehlung der Amtsbezeichnung Amtmännin für entsprechend besoldete Beamtinnen (24.05.1961) 

 

In den 1950er Jahren geschah nie Dagewesenes: Frauen machten in der Verwaltung Karriere. Zwar blieben echte Leitungspositionen noch eine höchst seltene Ausnahme, aber die fortgeschrittenen Besoldungsgruppen des gehobenen Dienstes wurden zunehmend auch von Frauen erreicht. Hierzu gehörte auch die Besoldungsgruppe A11 mit der Amtsbezeichnung Amtmann. Nun existierten also weibliche Amtsträgerinnen, die eine augenscheinlich männliche Amtsbezeichnung zu führen hatten. Dieses Missverhältnis stellte die Verwaltung vor gewisse Probleme, allerdings war sie nicht in der Lage, die naheliegendste Lösung zu wählen, nämlich dem Amtmann die Amtfrau zur Seite zu stellen; bis zu dieser Lösung dauerte es vielmehr rund dreißig (!) Jahre. Was stattdessen geschah, führte zu einer der skurrilsten Begrifflichkeiten, die die an Eigenheiten nicht arme Verwaltungsgeschichte zu bieten hat: der Männin, oder genauer gesagt der Amtmännin.

 

In der Landesverwaltung von Nordrhein-Westfalen begann die Diskussion im Jahre 1956 mit einem Schreiben der Stadt Essen an das Innenministerium des Landes: Von der obersten Aufsichtsbehörde wollte man wissen, welche Amtsbezeichnung denn eine frühere Stadtoberinspektorin erhalten solle, die nun in die Besoldungsgruppe A11 eingestuft werden würde. Da Verwaltung an Recht und Gesetz gebunden ist, konsultierte man im Innenministerium die Rechtslage und stieß auf die Vorbemerkung 4 in der Anlage 1 des Landesbesoldungsgesetzes. Dort war vermeintlich eindeutig geregelt, dass „die weiblichen Beamten […] die Amtsbezeichnung in der weiblichen Form [erhalten], auch wenn die Amtsbezeichnung in der Besoldungsordnung nur in der männlichen Form ausgebracht ist“, was in der Regel durch ein Anhängen des Suffix -in geschah. Die Abteilung III des Innenministeriums empfand diese Regelung im Falle des Amtmanns als unpassend, würde doch die resultierende Amtmännin gegen das Sprachgefühl verstoßen (auch wenn man wisse, dass das Arbeits- und Sozialministerium diese Amtsbezeichnung verwende). Auch Frau/Fräulein Amtmann sei allerdings keine schöne Lösung. Eine Entscheidung wollte man aber nicht treffen und reichte die Frage weiter. Vom Büro des Innenministers erfolgte schließlich die Antwort, dass die Amtsbezeichnung Amtmännin aus sprachlichen Gründe „auf gar keinen Fall“ verwendet werden solle, stattdessen plädierte man für die vom sprachlichen Standpunkt vermeintlich weniger bedenkliche Lösung der Frau Amtmann. Die Verbindung von Frau und Amtsbezeichnung sei früher für die Frauen der entsprechenden Amtsträger (z.B. Frau Regierungsrat) verwendet worden und somit bereits in der Sprache vorhanden. Entsprechend wurde auch die Stadt Essen beauskunftet. Die Idee, dass der Begriff Amtfrau vielleicht ein geeignetes Äquivalent darstellen könnte, kam den Ministerialbeamten angesichts der Amtsbezeichnungen im Landesbesoldungsgesetz überhaupt nicht, wäre hierfür doch eine Anpassung von Rechtsvorschriften notwendig gewesen, die angesichts der „Bedeutungslosigkeit dieser beamtenrechtlichen Frage“ unangebracht erschien.

 

Aber die Frage blieb virulent. Im Jahre 1961 wurde sie sogar im Kabinett (Meyers I) behandelt, auch wenn die Kabinettsprotokolle angesichts der stets unprotokollierten Personalsachen darüber schweigen. Im Nachgang jedoch erbat Innenminister Josef Hermann Dufhues eine Stellungnahme der Gesellschaft für deutsche Sprache – und die hatte es in sich: In atemberaubender Weise wurde hier argumentiert, im Wort „Amtmann“ träten die beiden Worte „Amt“ und „Mann“ mit ihren Einzelbedeutungen zurück hinter eine übergeordnete Bedeutungseinheit namens „Amtmann“. Unter einem Amtmann verstehe man also gar nicht einen Amtsträger männlichen Geschlechts (zumindest nicht vordringlich), sondern vielmehr eine Amtsstellung, die mit dem biologischen Geschlecht wenig zu tun habe. Entsprechend sei die Amtsbezeichnung Amtmännin keineswegs störend oder unpassend, sondern vielmehr für den behördlichen wie den allgemeinen Sprachgebrauch zu empfehlen. Diesem Sachverstand wollte man im Innenministerium – ungeachtet allen früheren Unbehagens – dann auch nicht widersprechen und schloss sich der Empfehlung der Gesellschaft für deutsche Sprache an: die Amtmännin wurde zur Normalität auch in der nordrhein-Westfälischen Verwaltung.

 

Das im Innenministerium durchaus gespürte Unbehagen mit der Bezeichnung Amtmännin war somit vielleicht auf dem Erlasswege unterdrückt worden, doch angesichts der fortschreitenden Emanzipation und der erstarkenden Frauenbewegung stand ein solcher Begriff doch quer zu allen emanzipatorischen Haltungen und vermutlich auch zu einem breiteren Sprachgefühl. Es dauerte aber noch bis in die 1980er Jahre bis die Frage wieder auf die Tagesordnung rückte. In der niedersächsischen Staatsanwaltschaft Verden weigerte sich die Justizbeamtin Elke Guillaume 1986, ihre Beförderungsurkunde zur Amtmännin anzunehmen und bestand auf der Bezeichnung als Amtfrau. Die hieraus resultierende Öffentlichkeitswirksamkeit des Themas sorgte auch in Nordrhein-Westfalen für Bewegung, zumal die öffentliche und auch verwaltungsinterne Einstellung zum Thema mittlerweile eine ganz andere war als noch in der späten Adenauer-Ära. Sonderlicher Widerstand gegen eine Veränderung der Amtsbezeichnung war nicht zu spüren. Per Runderlass ordnete das Finanzministerium (als oberste Landesbehörde zuständig für alle Besoldungsfragen und die daraus resultierenden Besoldungsgruppen und ihre Bezeichnungen) im Sommer 1986 an, das künftig die Amtsbezeichnung Amtfrau als weibliche Form der Amtsbezeichnung Amtmann zu gelten habe. Bisherige Amtmänninnen könnten ihre Bezeichnung weiterführen oder eine Führung der neuen Bezeichnung Amtfrau erklären.

 

Mehr als ein Vierteljahrhundert hatten Beamtinnen somit eine Amtsbezeichnung zu führen, die sich der allgemeinen sprachlichen Dichotomie von Mann und Frau verweigerte und aus der Frau eine Männin machte, die Frau also sprachlich zu einem bloßen Anhängsel des Mannes degradierte. Vielleicht war das nur eine Petitesse im Gesamtbild der gesellschaftlichen Ungleichheit von Mann und Frau, doch es mag viel erzählen über die alltäglichen Kleinigkeiten, aus denen Ungleichheit erwuchs und erwächst.



LAV NRW NW 0329 Nr. 574, Bl. 28r-v: Innenministerium NRW: Beamten- und Besoldungsrecht: Amtsbezeichnungen (1953-1970)

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