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Archivale des Monats Dezember 2018

Niederrheinische Weihnachten: Messfeier am Hof der Grafen von Kleve (LAV NRW R, AA 0640 Handschriften G III 2, fol. 19r)

 

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Drei wertvolle Missalhandschriften aus dem späten Mittelalter verwahrt das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen – Abteilung Rheinland (LAV NRW R, AA 0640 Handschriften G III 1-3). Unter einem „Missale“ (Messbuch) versteht man in der christlichen Liturgie ein Handbuch des Priesters, das die Handlungsanweisungen und die Texte für den Ablauf der Gottesdienste zu den verschiedenen Sonn- und Festtagen des Kirchenjahres enthält. Im Mittelalter wurden solche Missalhandschriften oft mit prächtiger Ornamentik ausgeschmückt.

Dies trifft auch auf das hier vorzustellende, dickleibige Missale zu (Archivsignatur: LAV NRW R, AA 0640 Handschriften G III 2). Es wurde an der Schlosskapelle des Grafen von Kleve verwendet, die damals zu mächtigsten Landesherren am Niederrhein gehörten. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts im Rheinland, vermutlich in Köln, entstanden, zeigt die Handschrift in ihrer künstlerischen Ausgestaltung Einflüsse aus dem heutigen Belgien, Nordfrankreich und England. Zu den liturgischen Texten verschiedener Feste im Kirchenjahr weist sie insgesamt dreizehn farbig gemalte Initialminiaturen auf.

Von besonders hoher künstlerischer Qualität ist die hier abgebildete Initiale P zum Introitus der dritten Weihnachtsmesse der katholischen Kirche (fol. 19r): „Puer natus est nobis, et filius datus est nobis: cuius imperium super humerum eius: et vocabitur nomen eius magni consilii angelus.“ Auch die evangelischen Christen kennen diese Weissagung des Propheten Jesaja (Kapitel 9, Vers 5), und zwar aus der Christvesper am Heiligen Abend: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat …“ Es folgt der Beginn des 98. Psalms: „Cantate Domino canticum novum, quia mirabilia fecit – Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder.“ Das Notensystem ist vierlinig: 2 schwarze Linien, eine rote f- und eine gelbe c-Linie. Für den Laien schwer vorstellbar: Die Notationen sind derart präzise, dass die gregorianischen Gesänge des Messbuchs noch Jahrhunderte später im Rahmen der Muziek Biennale Niederrhein 2010 in Weeze und abermals 2014 beim Internationalen Symposium zum Gregorianischen Choral in Kleve zu Gehör gebracht werden konnten. 

Das Miniaturbild zeigt eine Weihnachtskrippe nach der biblischen Überlieferung: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ (Lukas-Evangelium, Kapitel 2, Vers 7). Im Vordergrund links liegt Maria auf einem Lager; dahinter befindet sich die Krippe mit dem Jesuskind; rechts sieht man Joseph, auf einen Stock gestützt. Nur wenige wissen: Ochse und Esel, die hinter der Krippe abgebildet sind, werden gar nicht im Weihnachtsevangelium erwähnt, sondern stammen aus dem Buch des Propheten Jesaja (Kapitel 1, Vers 3): „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn …“

Das Missale zeugt vom kunstsinnigen Interesse der Klever Grafen. Und wer genau hinschaut, entdeckt am Rande des Textes noch einige weitere, teils humoristische Miniaturen ...