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Buchcover "Tränenkeller"



Aktuelle Publikation zum „Tränenkeller“


Seit dem Frühjahr 1933 nutzten die Nationalsozialisten Keller von Fabrikgebäuden, Schulen, Gastwirtschaften usw. als „wilde“, nicht autorisierte Haftstätten. Ausgestattet mit polizeilichen Befugnissen verhafteten die nationalsozialistischen Milizen von SA und SS ihre Gegner und Gegnerinnen und verschleppten sie in diese Keller. Auch die Wittener SS unterhielt solch eine Haftstätte, und zwar im heutigen Schiller-Gymnasium. Wegen des Leids, das den Gefangenen im Keller der Schule zugefügt wurde, nannte man diesen Ort auch „Tränenkeller“.

Im Mittelpunkt der jüngsten Publikation des Wittener Historikers Ralph Klein stehen der „Tränenkeller“ und die von den Nazis misshandelten Menschen. Die Geschehnisse dort werden als Teil der Gewalt beschrieben, mit der die Nazis ihren Anspruch auf die Macht vor Ort durchsetzten. Die Namen von 58 in diese „wilde“ Haftstätte verschleppten Personen konnten erforscht werden. Kurze Biographien erinnern an diese Gegnerinnen und Gegner des Nationalsozialismus. Einige Wittener Nazis, die für Misshandlung und Folter verantwortlich waren, werden ebenfalls vorgestellt. Die vielen erstmals ausgewerteten Quellen, die zahlreichen biografischen Angaben und detaillierte Beschreibungen der Ereignisse machen die Publikation zu einer Art Handbuch über die Phase der nationalsozialistischen Machtergreifung in Witten. Es schließt mit der Forderung nach einem Lernort, der eine engagierte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und gegenwartsbezogene Reflexionen über die Kontinuität von Rassismus und Antisemitismus ermöglicht.

Die Publikation wurde gefördert von: Stadtarchiv Witten/Stadtgeschichtsfonds Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), SPD-Stadtverband Witten, Ralf Kapschack, MdB.

Bibliografische Angaben:
Autor: Ralph Klein
Titel: „Die Wände waren mit Blut bespritzt...“. Der „Tränenkeller“ im Schillerlyzeum Witten
Verlag: Verlag de Noantri, Bremen/Wuppertal 2017, 323 Seiten
Konzeption und Gestaltung: a design collective, Hagen/Westfalen
ISBN 978-3-943643-07-7
UVP: 19 Euro.


Bildnachweis: Cover mit freundlicher Genehmigung des Verlags de Noantri und a design collective










„Zeitkapsel“, die Zweite: Eine thront ganz oben…, zuvor wurde ein altes Schätzchen gefunden!

„Eine Zeitkapsel für die neue Spitze des Rathausturms“ hieß es Anfang August: Denn da wurden in der neuen Turmspitze, der so genannten „Bekrönung“, einige Dokumente und Münzen der Gegenwart „versteckt“. Eine „Zeitkapsel“ ist ein Behälter, der erst nach Ablauf eines bestimmten Zeitintervalls von Personen geöffnet wird oder werden darf, mit dem Zweck, zeittypische Dinge und Informationen für nachfolgende Generationen zu bewahren und zu dokumentieren.

Was Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck und der städtische Bauingenieur Udo Klapp seinerzeit noch nicht verraten hatten: Der neuen Zeitkapsel ging der Fund einer alten Zeitkapsel voraus! In zwei Etappen, im April und im Juli 2017, stieß man im wahrsten Wortsinne auf „alte Schätzchen“: Münzen und Dokumente, die man im Jahr 1926 in der Turmspitze „verzeitkapselt“ hatte.

• Am 4. April 2017 fand der Spengler Guido Lämmel bei der Demontage der alten Bekrönung der Rathausturmspitze in deren Sockel eine handgefertigte Schatulle aus Kupfer. Inhalt dieses Behältnisses waren drei Geldmünzen, eine Gedenkmedaille, 23 Banknoten und Geldgutscheine aus der Inflationszeit, eine Visitenkarten und ein kleines Buch. Neben dieser „Zeitkapsel“ aus dem Jahr 1926 fand sich ein weiteres Druckwerk, das zwar identifiziert, jedoch nicht mehr restauriert werden konnte.

• Am 6. Juli 2017 wurde beim Rücktransport der alten Turmbekrönung zudem ein zylindrisches Kupferrohr entdeckt, das ein Dokument mit handschriftlichen Angaben zum Turmhersteller aus den Jahren 1925/1926 beinhaltete.


Ein „Milliarden-Fund“, Lichtbilder, und was das alles bedeutet (hat)

Ein Teil des Fundes bestand aus sage und schreibe einer Milliarde zweihundertachtundsechzig Millionen siebenhundertsiebenundsiebzigtausendachthundertachtundfünfzig Mark und sechzig Pfennig. Kurz: 1.268.777.858,60 Mark! Da sie vorwiegend aus der Zeit der Hyperinflation stammen, lässt sich daraus aber weder die heutige Rathaussanierung finanzieren noch der städtische Haushalt sanieren. Der Sammlerwert des „Milliarden-Fundes“ liegt heute nach Auswertungen des Stadtarchivs zwischen 75 und 80 Euro. Und dennoch: „Der ideelle Wert der Zeitkapsel ist enorm“, freut sich Kliner-Fruck. Und Klapp ergänzt: „Zumal wir damit wirklich nicht gerechnet hatten. Zeitkapseln waren eher typisch für Sakralbauten.“ Es zeige, da sind sich Kliner-Fruck und Klapp einig, dass der Rathausbau trotz der sehr schwierigen Zeiten eine hohe Bedeutung hatte.


Teil des Fundes wird am Tag des offenen Denkmals gezeigt

Das Stadtarchiv nahm die Fundstücke in Obhut und ließ sie restaurieren. Ein Teil der Funde wird nun am Tag des offenen Denkmals in einer kleinen Ausstellung im Rathausturm zu sehen sein. Übrigens zusammen mit Reproduktionen von Lichtbildaufnahmen aus den Jahren des Rathausbaus (1914-1926). Diese größtenteils noch nie veröffentlichten Fotos wurden im Stadtarchiv erst in diesem Jahr bei einer Aktensichtung entdeckt. Das Kulturgut muss nun dringend zur Sicherung digitalisiert werden.

Das Team des Stadtarchivs lädt alle Interessierten herzlich ein, am Sonntag, 10. September 2017, einige Stufen im Innern des Rathausturms zu erklimmen, und sich einen Teil des historischen Fundes anzuschauen.


Zeitkapsel, die Erste: Rückblick auf Anfang August 2017

Im Wittener Fall wurde in das 3,70 Meter hohe oberste Element (Turmspitze) ein Kupferrohr gesteckt, zu dem sich nach Verlötung und Falzung eine Frischhaltebox gesellte. Warum Frischhaltebox und Kupferrohr? Die Behältnisse sind witterungsbeständig und reduzieren den Zustrom von Sauerstoff, weil dieser zum Zerfall von Papier führen kann.

Im Kupferrohr befinden sich eine Tageszeitung vom 11. August 2017, ein Produktkatalog der Bauklempner- und Spenglerfirma und acht Geldmünzen: 1, 2, 5,10, 20, 50 Cent sowie 1 und 2 Euro. Also nicht „viel Kohle“, sondern ein paar Münzen unserer Zeit. Die Frischhaltedose ist mit der Kreisordnung und Gemeindeordnung des Landes Nordrhein-Westfalen, der Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen und mit dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland bestückt.

Beide Behälter schlummern seither – zusammen mit einem Stückchen Kohle –  im Hohlraum der Turmbekrönung, dessen oberstes Segment anschließend verlötet wurde, etwa 53 Meter oberhalb des Rathausplatzes.


Hätten Sie es gewusst?

Die Stadtgemeinde Witten gab aufgrund der Zahlungsmittelknappheit eigenes Notgeld heraus. Der erste Schein hatte den Wert von einer halben Million Mark und wurde am 9. August 1923 gedruckt. Nachdem die damalige Reichsregierung die Herstellung von städtischem Notgeld im September 1923 verboten hatte, gab die Stadt ihren letzten Notgeldschein mit dem Wert von fünf Billionen zum 13. November 1923 heraus.


Bild: (v. l.) Diplom-Archivarin Ana Muro, Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck und der städtische Bauingenieur Udo Klapp zeigen einen Teil der Funde, der am 10. September in einer kleinen Ausstellung im Rathausturm zu sehen sein wird.

Foto: Jörg Fruck






Versenkung der „Zeitkapsel“ im Rathausturm

Mit einer “Zeitkapsel” startet das Rathaus in sein neues Zeitalter: Glückauf!


Eine Zeitkapsel für die neue Spitze des Rathausturms – das klingt futuristisch! Und das ist es auch: eine schöne Idee für die Zukunft, für das neue Zeitalter eines Rathauses, das Schritt für Schritt saniert wird. Und zugleich ist eine Zeitkapsel eine schöne Idee mit Geschichte … Aber von vorn:

Im Internet kann man Folgendes nachlesen, wenn man noch nie von einer Zeitkapsel gehört hat: „Eine Zeitkapsel ist ein Behälter zur Aufbewahrung von Dingen, der erst nach Ablauf eines bestimmten Zeitintervalls von Personen geöffnet wird oder werden darf, mit dem Zweck, zeittypische Dinge für nachfolgende Generationen zu bewahren und zu dokumentieren.

Die typische Zeitkapsel […] ist ein Behältnis, das beispielsweise bei einer Grundsteinlegung mit in den Grundstein eines neuen Gebäudes eingemauert wird. Auch in der Kugel von Kirchturmspitzen, dem Kirchturmknopf, werden traditionell Zeitkapseln hinterlegt. Im Gegensatz zu Grundsteinen, die selten geöffnet werden, wird bei der Renovierung von Kirchturmspitzen eine Öffnung meist zu einem Ereignis mit regionaler Bedeutung. Die alten Inhalte werden gerne in der Presse und den Medien präsentiert und deren Geschichte und der damalige Zeitpunkt der Legung dargestellt. Die Neulegung ist ebenso einen Bericht wert. Dabei werden die alten Inhalte mit neuen Dingen ergänzt und im Behälter verschlossen. Diese Inhalte können sein: Münzen und Geldscheine, Zeitungen des Tages, neu verfasste Chroniken und statistische Informationen der Ortschaft oder Stadt.“ (Quelle: Wikipedia)

Am Wittener Rathausturm war es am Freitagmorgen, 11. August 2017, so: In seine „Bekrönung“ wurde in das 3,70 Meter hohe oberste Element, die Turmspitze, ein Kupferrohr gesteckt, verlötet und gefalzt. Zum Kupferrohr gesellte sich eine Frischhaltedose. Warum Frischhaltedose und Kupferrohr? Weil witterungsbeständig und um den Zustrom von Sauerstoff möglichst zu reduzieren, da der zum Zerfall von Papier führt.


Bücher, Zeitung, Kohle und andere Kohle in himmlischer Höhe

Im Kupferrohr befinden sich eine Tageszeitung vom 11. August 2017 und acht Geldmünzen: 1, 2, 5, 10, 20, 50 Cent sowie 1 und 2 Euro. Also nicht „viel Kohle“, sondern ein paar Münzen unserer Zeit. Die Dose ist mit der Kreisordnung und der Gemeindeordnung des Landes Nordrhein-Westfalen, der Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen und mit dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland bestückt.

Beide Behälter schlummern jetzt – übrigens zusammen mit einem Stückchen Kohle – im Hohlraum der Turmbekrönung, dessen oberstes Segment anschließend verlötet wird. Übrigens etwa 53 Meter oberhalb des Rathausplatzes.

Vielleicht hört und liest man bei der nächsten Sanierung der Turmspitze, die etwa 53 Meter über dem Rathausplatz in den Himmel zeigt, vom Fund der Zeitkapsel, in der Dinge und Schriften gefunden werden, die man dann schon nicht mehr kennt.


(11.08.2017, erstellt von lk/mkf)


Bildnachweis: Dr. Martina Kliner-Fruck, Stadtarchiv Witten, und Udo Klapp, Stadt Witten, Amt für Gebäudemanagement, vor der Versenkung der „Zeitkapsel“.

Foto: Martin Steltenkamp



 

Rathausneubau 1922

 

Rathaus-Bau damals und heute: Stadtarchiv blickt zurück, Sanierer blicken „turmwärts“

 

Nachdem der Sanierungsbeginn für den Rathausturm von Ende 2016 auf das Frühjahr 2017 verschoben werden musste, ist es in Kürze soweit: Baubeginn mit dem Einrüsten des Turms soll Anfang Februar sein. Aktueller Stand ist der: Die Ausschreibungen und Submissionen (Angebotseröffnungen) für das Einrüsten des Turms sind bereits erfolgt, die Auftragsvergaben stehen bevor…

 

Ein schöner Anlass, um einen Blick über die Schulter zu wagen und die früheste Zeit des Wittener Rathauses zu betrachten: seinen Baubeginn vor fast 100 Jahren. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Sanierung des „gelben Denkmals“ im Herzen der Innenstadt hat das Stadtarchiv Witten jüngst Fotografien des Rathausneubaus aus den 1920er-Jahren neu- und einige wiederentdeckt.

 

Bildgedächtnis zum Wittener Rathaus wird für die Zukunft gesichert

 

Die zum Teil verblassten Lichtbilder, auch einzelne Glasnegative, werden derzeit in Zusammenarbeit mit der Pressestelle der Stadt Witten hochaufgelöst digitalisiert und die Informationen zur Bilderschließung aktualisiert.  Ziel ist eine „Bau-Schau (Neues) Rathaus“.

 

„Die erste Bildansicht in einer geplanten Serie von Bildbeschreibungen zeigt eine Momentaufnahme der Baustelle des Wittener Rathauses am 22. Juli 1922“, erläutert Stadtarchiv-Leiterin Dr. Martina Kliner-Fruck. Ihr Wunsch: „Ich hoffe, dass unsere kleine Zeitreise vielen Menschen Freude macht! Und ich freue mich, dass die Informationen zum Rathausbau damit auch digital für die Zukunft gesichert sind.“

 

An einem warmen Julitag im Wittener Stadtzentrum

 

Im Bildhintergrund steht das markanteste Gebäude, die imposante ehemalige Gedächtniskirche. Durch Bergschäden lädiert und im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde ihre Ruine von November 1967 bis Januar 1968 abgebrochen. Links daneben ist ein Teil des Dachs des Lyzeums, heute Schiller-Gymnasium, erkennbar, vor dem sich zwischen den Bäumen die frühere Brinkmann’sche Reithalle befindet. Für das große Wittener Bauprojekt „Rathausneubau“ nutzte man sie als Materialschuppen.

 

Im Bildvordergrund links hinter der Oberleitung für die Westfälische Straßenbahn liegen auf der damaligen Baustelle Stabeisen und Kiesmassen für die Eisenbetondecke des neuen Hauses der Verwaltung. Daneben rollt ein umgestürzter Goudronkessel, ein Behälter für Teer. Rechts vor dem Kies ist eine Betonmaschine erkennbar.

 

An diesem schönen Julitag 1922 steht der Polier Weber der Wittener Baufirma Lünenbürger & Franzen im Zentrum des Baugeschehens (Bildmitte) neben den fertiggestellten Fenster- und Türstürzen an einem Feldbahngleis.  Am Gleisende wartet ein Güterwaggon der Westfälischen Straßenbahn, um die Abfuhr ausgeschachteter Bodenmassen zu übernehmen. Ob Herr Weber den nächsten Transport von Materialien oder die beiden Bauarbeiter rechts von ihm beobachtet? Hinter ihm ist bereits das Gewölbe des Ratskellers entstanden.

 

Die Kellergrube der zuvor abgebrochenen Häuser am Markt mit Mauerresten kann man im vorderen Bildbereich rechts entdecken. An der Aufschüttung dahinter soll demnächst der Rathausturm, ein späteres Wahrzeichen der Stadt, seinen Platz finden. Auf dem Erdhügel ist das Gestänge des Flaschenzugs, der dem Verlegen der Betonringe des Kanalschachts dient, gut sichtbar. Im rechten Bildbereich arbeitet jemand an der Speisrutsche und Redmann, der Polier der Maurerkolonne, hofft an der Steinrutsche auf Nachschub.

 

Zum Ende des Jahres 1922 wird die Stadtverwaltung Witten die Arbeiten zum Rathausneubau in ihrem Verwaltungsbericht dokumentieren:

 

Der Rohbau wurde im Rechnungsjahre 1922 zu Ende geführt. Mit den Maurerarbeiten war schon begonnen worden, als die Ausschachtung und der Abtransport der Bodenmassen noch in vollem Gange waren. Gleichzeitig mit den Maurerarbeiten wurden die Eisenbetonarbeiten ausgeführt. Die Decken, Treppen und die schweren Dachbinder waren zu Ende des Rechnungsjahres vollendet. Die Zimmerleute hatten das ganze Dachwerk aufgeschlagen. Das Dach über dem hinteren Bauteil war fertig eingedeckt, während über dem vorderen Bauteil die Pfannen lose aufgehängt waren, sodaß der Regen nicht mehr in den Bau eindringen konnte. Die Blitzschutzanlage wurde über dem hinteren Bauteil montiert und die Dachrinnen nach der Hofseite angeschlagen ... Ein Teil der Innenwände wurde hochgeführt und mit dem Verputz begonnen. Das Holz für die Fenster und Außentüren wurde von der Bauleitung beschafft.

 

(Quelle: Stadtarchiv Witten: Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Witten 1922, S. 31).

 

 

Fortsetzung folgt.

 

 

Bild: Rathausneubau 1922 (Stadtarchiv Witten, Fotosammlung)

Repro: Jörg Fruck

 

 

 

 

Foto: LWL/Burkhard Beyer

 

"Ein Buch zur rechten Zeit": LWL-Handbuch zur jüdischen Geschichte ist beim Stadtarchiv Witten einsehbar

 

Die Historische Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat jetzt mit dem vierten Band das „Historische Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe“ fertig gestellt. Alle vier Bände sind schon beim Stadtarchiv Witten einsehbar.

 

Der abschließende vierte Band behandelt die ehemaligen und heutigen jüdischen Gemeinden im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg. Die großen Gemeinden des Ruhrgebiets sind darin ebenso vertreten wie die kleinen Gemeinden im Sauerland.

 

Beiträge zu Witten

 

Die Beiträge zu Witten und Witten-Annen wurden von der Leiterin des Stadtarchivs Witten, Dr. Martina Kliner-Fruck, verfasst. Sie sind im Band Arnsberg auf den Seiten 813-829 und 829-832 zu finden. Professor Dr. Wilfried Reininghaus, ehemaliger Präsident des Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und heute erster Vorsitzender der Historischen Kommission von Westfalen, hat neben weiteren Beiträgen die Autorenschaft für den Artikel zur jüdischen Gemeinde Witten-Herbede (Seite 832-836) übernommen.

 

Die Stadt Witten und das Kulturforum Witten gratulieren dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe zum erfolgreichen Abschluss dieses aufwändigen Forschungsprojekts und danken insbesondere dem Redaktionsteam. Ab sofort ist die vierbändige Ausgabe des Historischen Handbuchs der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe im Nutzerraum des Stadtarchivs einsehbar.

 

Wie gehen wir mit Minderheiten und mit Andersartigkeit um?

 

„Das ist ein Buch zur rechten Zeit. Denn es ist als ein Bekenntnis zu einer pluralistischen Gesellschaft“, sagte LWL-Direktor Matthias Löb bei der Buchvorstellung am Dienstag (15.11.) in Dortmund. „Das Werk fragt uns: Wie gehen wir mit Minderheiten und mit Andersartigkeit um? In Zeiten, in denen viele Flüchtlinge zu uns kommen und in der wir über die Inklusion von Menschen mit Behinderung nachdenken, ist das ganz aktuell.“

 

Das Gesamtwerk besteht aus drei Regionalbänden über die Orten in den drei Regierungsbezirken Arnsberg, Detmold und Münster, sowie einem Grundlagenband, der die jüdische Ge¬schichte in Westfalen zusammenfasst. Alle Orte, in denen es entweder eine Synagoge oder einen jüdischen Friedhof gab, werden in einem eigenen Artikel behandelt. Im Band Arnsberg sind das 101 Ortsartikel. Einige größere Orte fehlen, da es dort keine Gemeinden gab, dafür finden sich kleine Dörfer, in denen zeitweise viele Juden lebten.

 

„Juden lebten über Jahrhunderte dort, wo sie geduldet wurden und wo ihnen eine wirtschaftliche Existenz zugestanden wurde. Wenn sie aus größeren Städten ausgeschlossen waren, dann lebten sie oft in benachbarten Dörfern“, fasst Herausgeber Prof. Frank Göttmann (Universität Paderborn) ein wichtiges Ergebnis zusammen. Erst im 19. Jahrhundert wurden die Beschränkungen schrittweise aufgehoben, nun durften Juden überall wohnen und alle Berufe ergreifen. Viele kleine, ländliche Gemeinden lösten sich auf, die Juden zogen in die Großstädte. „Solche Zusammenhänge sind im Handbuch sichtbar geworden, weil es sich nicht auf die Verfolgungen der NS-Zeit beschränkt“, so Göttmann. Zwar beschreibt das Buch auch diese Zeit eingehend, viel Raum nimmt aber auch die Darstellung der Gemeinden vom 16. bis 19. Jahrhundert sowie der Neuanfang nach 1945 ein. „Das Handbuch kann kein Gedenkbuch mit vollständigen Namenslisten sein, es will einen historischen Überblick über mehr als 500 Jahre jüdischer Geschichte in Westfalen geben“, so Göttmann.

 

Viel Arbeit hat das Redaktionsteam der Historischen Kommission für Westfalen investiert, um die insgesamt 273 Ortsartikel zu vereinheitlichen und nach Möglichkeit aus überregionalen Quellenbeständen zu ergänzen. Alle Artikel haben dabei eine einheitliche Gliederung erhalten. „Das war nicht immer einfach“, sagt der Kommissionsvorsitzende Prof. Wilfried Reining-haus, „aber Vergleiche zwischen den Orten sind dadurch überhaupt erst möglich. Darin liegt der entscheidende wissenschaftliche Gewinn des Handbuchs.“

 

Der Vergleich zeigt auch, wie weit die Integration und Assimilation der Juden in den einzelnen Orten 1933 vorangeschritten war. Trotz der zunehmenden antisemitischen Hetze rechter Parteien war die Integration in den meisten Städten gelungen. Christliche Pfarrer nahmen wie selbstverständlich an der Einweihung von Synagogen teil, jüdische Häuser waren zur Fronleichnamsprozession geschmückt, in einigen Dörfern konnten Juden sogar Schützenkönig werden.

 

All das brach nach 1933 in wenigen Jahren in sich zusammen und gipfelte in Verfolgungen von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß. „Die Geschichte der Juden in Westfalen ist damit immer auch die Geschichte des Umgangs der Mehrheit mit der Minderheit“, betont Löb die gesellschaftliche Bedeutung des neuen Bandes. „Wie die Mehrheit sich zur Minderheit verhält, ob und wie sie diese integrieren kann, ist damals wie heute ein drängendes Problem.“ Wie leicht die sicher geglaubten Gewohnheiten im wechselseitigen Umgang nach 1933 in allen Orten Westfalens gekippt werden konnten, erschrecke bis heute. Dem Handbuch komme damit eine Aktualität zu, die zu Beginn des Projektes vor 15 Jahren nicht absehbar gewesen sei. „Wenn Teile unserer heutigen Gesellschaft die solidarischen Grundlagen des Zusammenlebens in Frage stellen, dann muss man an unsere ganz besonderen historischen Erfahrungen erinnern“, so Löb.

 

Titel und ISBN des Buches

 

Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Hrsg. von Frank Göttmann, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Neue Folge 12 Münster, Ardey-Verlag, 860 Seiten, Festeinband, ISBN 978-3-87023-284-9, 79 Euro

 

 

Quelle: Pressemitteilung des LWL. Pressekontakt: Markus Fischer, Tel.: 0251 591 235, presse(at)lwl.org.

Foto: LWL/Burkhard Beyer

 

 

 

 

 

Wittener Brauerei-Spross beschenkt das Stadtarchiv

 

Artikel aus der WAZ vom 25.10.2016, Michael Vaupel

 

Bild: Dr. Hermann Franz übergibt dem Stadtarchiv Witten Familienunterlagen aus der Dönhoff-Sammlung

Foto: Jörg Fruck (Stadt Witten)

 

 

 

 

Links an einem Sonntag 1945: Galina Korjakova (rechts) mit ihrer Schwester Lidia / Rechtes Bild: Gerard van Bremen (rechts) mit Behrend Proper am 18. März 1945 in Witten-Annen

 

Spurensuche in Witten: Sohn ehemaliger NS-Zwangsarbeiter auf Spurensuche in Witten

 

Jan van Bremen ist schon länger damit beschäftigt, mehr über das Leben seiner Eltern ausfindig zu machen. Sein Interesse wurde im Jahr 2000 geweckt, als er von seiner Tante in Russland über 150 Briefe bekam, die seine Mutter seit 1953 bis zu ihrem Tod 1978 an sie geschrieben hatte. Nach einem Besuch in Witten Anfang 2015 begann er intensiv zu recherchieren. Seitdem hat er mehrere Archive in Deutschland und in den Niederlanden besucht oder angeschrieben, darunter das Stadtarchiv Witten mit einem einwöchigen Forschungsaufenthalt, das Stadtarchiv Lippstadt, das Konzernarchiv Thyssen-Krupp, das Bundesarchiv, den International Tracing Service in Bad Arolsen, das Kriegsarchiv des Niederländischen Roten Kreuz und das Staats- und Nationalarchiv der Niederlande in Den Haag.

 

Jan van Bremen

 

„Ich bin Jan van Bremen, Holländer, Sohn einer russischen Mutter und eines holländischen Vaters, die sich in Witten-Annen während des Arbeitseinsatzes zur Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg kennen gelernt haben. Ich habe mir als Ziel gesetzt, ein Buch über deren Leben zu schreiben. Beginnen möchte ich 1942, als für meine Mutter der Krieg in Brjansk (Russland) anfing, und enden 2002, als mein Vater als letzter der beiden starb. Wie in so vielen Familien ist auch bei uns nur wenig über diese Zeit gesprochen worden. Ich möchte nicht, dass die Geschichte meiner Eltern verloren geht, zumal sie eine besondere ist.

Viele Jahre sind seitdem vergangen, und die Chance, weitere Informationen zu erhalten, ist gering. Dennoch hoffe ich, durch einen Aufruf und etwas Glück jemanden zu finden, der meine Eltern entweder persönlich gekannt hat oder etwas darüber weiß, wie sie gelebt haben. Vielleicht war auch jemand während des Krieges mit der Wehrmacht oder auf eine andere Weise 1942 in der Gegend von Brjansk (Russland).“

 

Gerard van Bremen

 

Jan van Bremen berichtet weiter: „Mein Vater war Gerard van Bremen. Er hat vom 4. Juni 1943 bis zum 12. April 1945 im Zwangsarbeitslager Hamburgplatz an der Bebelstraße (damals Göringstraße) gelebt. Zuerst musste er für die Ruhrstahl AG, Annener Gussstahlwerk, als Kranführer arbeiten. Aufgrund einer Lungenerkrankung wurde er 1944 zur Behandlung in ein Krankenhaus bei Bochum gebracht. Danach arbeitete er vom 1. Januar 1945 bis zur Befreiung am 12. April 1945 für den Metzger Cornelius Brinkmann in der heutigen Bebelstraße in Witten-Annen. Während dieser Zeit führte er für Brinkmann auch Hausschlachtungen in Annen und Umgebung durch. Gerard van Bremen nahm immer einen Freund aus dem Lager zum Helfen mit, damit auch dieser seinen Hunger etwas stillen konnte.

 

Mein Vater war ein aktiver, sozial eingestellter und freiheitsliebender Mann. Einer seiner noch lebenden Freunde, Berend Proper, der letztes Jahr Witten besuchte, sagte über meinen Vater: „Er war nie im Lager, sondern immer unterwegs, um etwas zu organisieren …“ Eine kleine Anekdote: Berend Proper erzählte, dass er mit der Post aus Holland eine Klarinette bekommen hatte. Bedauerlicherweise war das Blatt des Mundstücks kaputt. Mein Vater sagte: „Kein Problem, ich hol dir ein neues.“ „Aber weißt du überhaupt, was das ist?“ fragte Berend. „Lass mal sehen, okay, kein Problem“, antwortete mein Vater. Zwei Stunden später war er mit einem neuen Blatt zurück. Da er viel unterwegs war, habe ich die Hoffnung, dass jemand, der damals ein Kind war, sich noch an ihn erinnern kann, an den holländischen Metzger, der die damals verbotenen und damit gefährlichen Hausschlachtungen durchführte.“

 

Galina van Bremen, geborene Korjakova

 

Meine Mutter war Galina Korjakova. Sie hat vom 21. August 1942 bis zum 11. Juni 1943 mit ihrer Schwester Lidia und ihrer Mutter Anna zwangsweise im Lager Hamburgplatz gelebt. Am 22. Oktober 1943 wurde sie mit ihrer Schwester in das so genannte Russenlager an der Westfeldstraße verlegt. Ihre Mutter wurde zwischenzeitlich in ein Zwangsarbeitslager nach Lippstadt versetzt. Später sind alle drei wieder zusammen bis zum 12. April 1945 im Lager Hamburgplatz gewesen. Ich glaube, dass jemand, der sie gekannt hat, entweder im „Russenlager“ an der Westfeldstraße, am Hamburgplatz oder im Werk der Ruhrstahl AG Annen gearbeitet haben muss.“

 

 

Stadtarchiv Witten unterstützt bei der Spurensuche

 

„Es ist die bekannte Nadel im Heuhaufen … Ich hoffe, dass jemand hilfreiche Informationen an das Stadtarchiv Witten geben kann“, wünscht sich Jan van Bremen.

 

Das Stadtarchiv Witten ist telefonisch unter der Rufnummer: 02302 581-2415, nach Terminvereinbarung oder per E-Mail: stadtarchiv(at)stadt-witten.de zu erreichen.

 

 

Artikel aus der WAZ vom 14.07.2016, Jutta Bublies: Sohn von Zwangsarbeitern sucht Zeitzeugen

Artikel aus der WAZ vom 27.02.2016, Jutta Bublies: Zur Zwangsarbeit in Witten, als Ehepaar nach Holland

 

 

Bild: Links an einem Sonntag 1945: Galina Korjakova (rechts) mit ihrer Schwester Lidia / Rechtes Bild: Gerard van Bremen (rechts) mit Behrend Proper am 18. März 1945 in Witten-Annen

 

 

 

 

Foto: Zentrum für Bucherhaltung

 

Papierentsäuerung – eine Investition in die Zukunft

 

Stadtarchiv nimmt wieder am Landesprojekt LISE teil

 

Im Rahmen des Projektes „Landesinitiative Substanzerhalt“ (LISE) schickt das Stadtarchiv Witten in Zusammenarbeit mit dem LWL- Archivamt für Westfalen jetzt wieder rund 330 Kilogramm Archivgut zur Papierentsäuerung nach Leipzig. Durch die Entsäuerung wird der aktuelle Zustand des Papieres stabilisiert und ein weiterer Papierabbau deutlich verzögert.

 

Für das durch Landesmittel geförderte Projekt wählte das Stadtarchiv dieses Jahr vornehmlich Personenstandsunterlagen aus, die in den Registraturen der Standesämter besonders beansprucht wurden. Sie sind seit 2009 erstmals für Wissenschaft und Forschung in den Kommunalarchiven zugänglich und bieten neben ihrer Originalität einen hohen Informationsgehalt für amtliche Zwecke und Forschungsanliegen.

 

Nutzung eingeschränkt

 

Aufgrund dieser Maßnahme stehen ab sofort bis voraussichtlich Winter 2016 folgende Unterlagen nicht mehr für die Nutzung zur Verfügung:

• Geburtsregister Annen, Bommern, Herbede, Rüdinghausen, Stockum und Witten 1905

• Heiratsregister Annen, Herbede und Witten 1935 und das

• Sterberegister Witten 1901 bis 1955.

 

 

Das Kulturforum Witten dankt dem Land NRW für die finanzielle Förderung und dem LISE-Team des LWL-Archivamts für Westfalen in Münster für die hervorragende Projektleitung und Projektbegleitung.

 

 

Artikel der WAZ vom 17.06.2016

 

 

Foto: Zentrum für Bucherhaltung

 

 

 

 

Wilfried Reininghaus: Die Revolution 1918/19 in Westfalen und Lippe als Forschungsproblem.

 

Lese- und Forschungstipp des Stadtarchivs Witten: Die Revolution 1918/19 in Westfalen

 

Im Jahr 2018 jährt sich zum einhundertsten Mal die Novemberrevolution von 1918. Wilfried Reininghaus, Vorsitzender der Historischen Kommission für Westfalen, nutzte die einschlägigen Quellen aus staatlichen, kommunalen und anderen Archiven, um auf die dramatischen Ereignisse jener Tage aufmerksam zu machen.

 

Für Witten (heutiges Stadtgebiet) konnte der Verfasser 15 Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte ermitteln, die sich in der Bevölkerung zur Organisierung des Alltags wie Lebensmittelversorgung, Arbeitsvermittlung und Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung gebildet hatten. Wie in anderen Städten und Gemeinden war es auch in Witten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen. Am 24. März 1919 hatte sich vor der Lokalredaktion der „Wittener Volkszeitung“, Augustastraße 24, Unmut breit gemacht, weil ein Zeitungsbericht laufende Lohnverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften torpedierte. Die herbeigerufene Polizei schritt mit Karabinern ein, auch Handgranaten wurden geworfen, sodass elf Tote und 37 Verletzte zu beklagen waren.

 

Die aktuelle Publikation von Professor Reininghaus ist ab sofort im Nutzerraum des Stadtarchivs zu den Öffnungszeiten einsehbar. Wesentliches Quellenmaterial hält das Stadtarchiv ebenfalls bereit. Darunter befindet sich auch eine Kopie des SPD-Protokollbuchs aus den Jahren 1911-1919, das die großen Erwartungen im November 1918, aber auch die Enttäuschungen im Frühjahr 1919 dokumentiert. Weitere Literatur zum Thema bietet auch die Gustav-Landauer-Bibliothek im soziokulturellen Zentrum „Trotz Allem“, Augustastr. 58.

 

 

Die Publikation ist im Buchhandel erhältlich:

 

Wilfried Reininghaus: Die Revolution 1918/19 in Westfalen und Lippe als Forschungsproblem. Quellen und offene Fragen. Mit einer Dokumentation zu den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten. Veröffentlichung der Historischen Kommission für Westfalen, Neue Folge 33. Aschendorff Verlag, ISBN 978-3-402-15124-2, Preis: 39 Euro.

 

 

Bildnachweis zur Umschlagabbildung: Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates Rotthausen mit Schrifttafel „Wir haben den Krieg nicht gewollt“. (Quelle: Stadtteilarchiv Gelsenkirchen-Rotthausen) mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.

 

 

 

 

Foto: Jörg Fruck

 

Stimmen zur Stolpersteinverlegung am 25. November 2015 in Witten

 

Der Arbeitskreis Stolpersteine, das Stadtarchiv im Kulturforum und die Stadt Witten veröffentlichen zum Jahresende eine Auswahl von Stimmen zur vierten Verlegung von 15 weiteren Stolpersteinen in Witten:

 

… Shalom an die gesamte Mannschaft. Zurück im sonnigen Israel möchte ich mich im Namen meiner Familie bei Euch herzlich bedanken. Ihr habt viel Arbeit und Gedanken investiert, um das Witten-Event zu realisieren. Es war für uns nicht einfach, daran teilzunehmen und uns an die Vergangenheit zu erinnern, aber bestimmt auch nicht für Euch junge Wittener Generation. Vielen Dank und “Toda Raba”, Euer Usi Ron, geb. Rosenthal.

 

“It was a great honor for us to attend the event that touched our hearts, an event that we will never forget. There are no words that can describe our great appreciation to your contribution to the success of this special event. Thank you for the great day we spent together. Best Wishes Daphna & Abraham Shahak, Israel.

 

Jennifer and Tina sent me pictures they took of the event, and I must tell you that I was overcome with emotion and had tears in my eyes. Thank you for reading my speech that I was not able to deliver in person. The idea of the participation of the students is an excellent way to teach history in a personalized way ...I know that with five different installations you must have had an extremely busy day, so I also want to thank you for all the kind attention you gave Jennifer and Tina; I'm glad you could also meet Tina, the newest generation of my family, on this visit. And one day we must meet in person, that is something I am still hoping for ... I am VERY proud of the Witten pin that was given to Jennifer and Tina for me. I would like to send a thank-you note. Mit herzlichen Grüßen George Wolff, USA.

 

Es ist nicht einfach, die hohe Bedeutung der Stolperstein-Veranstaltung auf einen Begriff zu bringen: eine Art „Rückkehr“ an einen Ort, der Teil meiner persönlichen Geschichte hätte sein sollen; aber dies war bis jetzt tief verborgen unter dem grauenhaften Leid der Kindheit meines Vaters. Bei der Stolpersteinverlegung ging es nicht nur darum, die abscheulichen Taten der Vergangenheit ins Bewusstsein zu bringen; vielmehr sollte sie den Lebenswillen meines Vaters hervorheben, der trotz allem ein mit Güte erfülltes Leben lebt. Es galt, die mutigen und anständigen Menschen zu ehren, die ihm geholfen haben in den dunkelsten aller Zeiten zu überleben. Aber es sollte auch der Geist der Solidarität und der moralischen Verpflichtung wahrgenommen werden, der den Tag durchzog und der die Menschen in Richtung Zukunft leiten soll. (Aus dem Amerikanischen: Jennifer Wolff, Puerto Rico)

 

I will write in English because my written German is pretty terrible. I just want to thank you for what you and your colleagues are doing in Witten and how privileged my husband and I feel to have been present on November 25th when you placed the Stolpersteine into the ground for my Rosenthal relatives. The day was certainly one we will always remember and be grateful to you for. Will you be putting a Stolperstein in front of the Gebrüder Rosenthal Haus for my grandfather Josef? He wasn’t murdered but he and his family had to flee the Nazis. We will certainly come and visit Witten again. Thanks again. (Vivien Goldman, USA)

 

Die diesjährige Veranstaltung war etwas Besonderes und Einzigartiges. Die Chance, Verwandte und Angehörige der betroffenen Familien kennen zu lernen und auch mit Überlebenden in Kontakt treten zu dürfen, ist etwas Besonderes und dies wird leider immer seltener. Es überrascht mich immer wieder, wie lebensfroh und freundlich die Überlebenden sind, so offen, freundlich, herzlich. Gerade wenn wir wissen, was diesen Menschen aus irrationalen Gründen widerfahren ist, können wir uns diese Einstellung zum Vorbild nehmen und die Welt ein bisschen netter machen. Jede Gelegenheit, jeder Moment, jedes Treffen oder Wiedersehen ist kostbar und genau dies konnte ich an diesem Abend und auch bei den Verlegungen spüren. Die Erinnerung an geliebte Menschen bringt neue zusammen und verbindet auf eine tiefe Art und Weise, wie es nicht zu beschreiben ist. (Emma Beke Bandmann (18), Holzkamp-Gesamtschule Witten)

 

Mich hat die Biografiearbeit sehr beeindruckt und noch beeindruckender fand ich es, die Nachfahren der jeweiligen Familien zu treffen. So konnte ich z. B. mal wieder mit Israelis reden: Menschen, die in einem Land leben, das mich schon immer von Grund auf interessiert hat. Die Stolpersteinverlegung kann man als vollen Erfolg bezeichnen, weil sich jeder der Teilnehmenden mit eingebracht hat und so wieder einmal in Witten Geschichte geschrieben werden konnte. (Anastasia Heidorn (18), Freundeskreis der Israelfahrer e.V., Rudolf Steiner Schule Witten)

 

Die nunmehr 4. Stolpersteinverlegung war besonders eindrucksvoll durch die Anwesenheit vieler Nachkommen der von den verschiedenen Gruppen Geehrten aus Puerto Rico, USA, Israel und Deutschland. Auch durch die Unterstützung vieler Schülerinnen und Schüler und gesellschaftlicher Gruppen wie des Ev. Kirchenchors Stockum oder des soziokulturellen Zentrums „Trotz Allem“ und von Privatpersonen ist unser Projekt wieder zum Spiegelbild aktiver und verantwortlicher Beteiligung vieler Wittener Bürger geworden. (Christoph Ebner, Koordinator im Projekt „Stolpersteine Witten“)

 

Die Stolpersteinverlegung vor unserer Haustür hat uns tief bewegt. Jeden Tag erinnern uns die fünf Steine daran, was passieren kann, wenn eine Gesellschaft über eine Ideologie ihre Menschlichkeit verliert. Es ist uns eine Ehre, an der Verlegung der Stolpersteine in der Kreisstraße 3 beteiligt gewesen zu sein, denn Erinnerung darf kein Ablaufdatum haben! (Familie Wedegärtner, Witten)

 

Mit tiefer Dankbarkeit denke ich an den 25. November dieses Jahres zurück, der würdigen vierten Stolpersteinverlegung in Witten. Die aus Israel, Puerto Rico und den USA angereisten Familienmitglieder der Opfer waren sehr berührt und vor allem dankbar, nun einen Ort des Trauerns zu haben. Aus den Gesprächen, auch während der Übersetzung zur abschließenden Veranstaltung „Open Space“, konnte ich bewegende Lebensgeschichten erfahren und wunderbare Menschen kennen lernen. Für die Stadt Witten ist es ein Gewinn, dass durch das Stadtarchiv neben der Recherche für die Stolpersteine auch die persönlichen Kontakte gepflegt werden und die junge Generation der Wittener Schüler die Gelegenheit hat, sich bei der Recherche mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen und anschließend aktiv an der Veranstaltung beteiligt zu sein. Vielen Dank dafür. (Dr. Kerstin Glathe, Freundeskreis der Israelfahrer e.V., Witten)

 

Mir hat die Vorbereitung in der „AG Stolpersteine“ gut gefallen, besonders, weil Chr. Ebner die Sitzungen so konzentriert, zielgerichtet und umsichtig moderiert hat. Bei der Verlegung selber hat mir nicht gefallen, dass es nicht allen möglich war, an allen Verlegungen teilzunehmen. Der Zeitplan war zu knapp. Die Verlegung „unseres“ Stolpersteins („Trotz Allem“ für Erich Scheer) war sehr gut, vor allem, weil die Angehörigen Erich Scheers so zahlreich vertreten waren und die Würdigung Scheers zu schätzen wussten. Die Veranstaltung in Haus Witten hätte in dieser Form besser entfallen sollen. Ich fand, es war eine Mischung aus Talk Show, Gruppentherapie und Selbstlob. Das ist dem Anlass nicht angemessen. Mir hätte eine mehr dialogische Form besser gefallen, bei der die Beteiligten zwanglos hätten ins Gespräch kommen können oder auch ein auf das Lokale bezogener Vortrag zum Themenkomplex Stolpersteine, der das Ganze (erinnerungs-)politisch kontextualisiert hätte. Leider war das anschließende Essen zwar gut gemeint, aber schlecht gemacht: Die unaufhörlichen Danksagungen waren schlicht nervig und haben Gespräche verhindert. (Ralph Klein)

 

Die Mitglieder des Wittener Friedensforums sind sich einig, dass die Stolpersteinverlegung am 25.11.2015 eine gelungene und eindrucksvolle Veranstaltung war. Die Aktion verlief diesmal weniger hektisch, deshalb fanden die einzelnen Verlegungen in einem dem Anlass entsprechenden ruhigen und würdigen Rahmen statt. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich sehr gut vorbereitet und man merkte ihnen an, dass ihnen die Biografien der Menschen, über dies sie berichteten, nahe gingen und sie sich in deren Schicksal einfühlen konnten. Wie bei den bisherigen Verlegungen überwog bei den Nachkommen trotz aller Trauer und Betroffenheit die Freude über die Stolpersteine. Sie zeigten offen, wie dankbar sie sind, dass ihre Vorfahren - und damit auch ihre persönliche Geschichte - nicht in Vergessenheit geraten. Das Treffen mit den Angehörigen und Mitgliedern der Veranstalter im Haus Witten war ein schöner und würdevoller Abschluss ... Hervorheben möchten wir auch, dass die Zusammenarbeit und Organisation innerhalb der Arbeitsgruppe und mit dem Stadtarchiv sehr gut geklappt hat ... Nach der Verlegung für Käthe und Willy Mühlhaus ergab sich spontan die Möglichkeit, in das Haus Gederbachweg 45 gehen zu dürfen. Es ist immer noch das Originalhaus, in dem die Familie Mühlhaus gewohnt hat. Ich muss gestehen, mir lief ein Schauer über den Rücken, als die jetzigen Bewohner uns die Stelle zeigten, von der aus Siegmund Mühlhaus in sein Versteck, eine Art Kriechboden, gelangen konnte. Aus dem Keller wurde noch ein Bild geholt, das Willy Mühlhaus gemalt und signiert hat, so, als hätte es 70 Jahre darauf gewartet, von uns wiederentdeckt zu werden. Ich werde die jetzigen Besitzer fragen, ob es dem Stadtarchiv zur Verfügung gestellt werden kann. (Ursula Bösken und Ursula Wentzek, Wittener Friedensforum)

 

Tief bewegt blicken die Mitglieder des SPD Ortsvereins Stockum auf die Verlegung der vier Stockumer Stolpersteine durch Gunter Demnig zurück, für die sie die Patenschaft übernommen haben und bei deren Vorbereitung das Stadtarchiv Witten unersetzbare Unterstützung leistete. Die große Zahl der Menschen, die an der Verlegung teilnahmen, die Worte der Beteiligten, die von Jugendlichen des Stockumer Cliquentreffs und der Holzkamp-Gesamtschule vorgetragenen Lebensläufe der Stockumer Opfer, die Worte von Usi Ron, einem der anwesenden Nachfahren der Familie Rosenthal, und die musikalische Begleitung durch den evangelischen Kirchenchor machten nicht nur betroffen. Man fühlte auch Verantwortung und Solidarität. Als Usi Ron am Abend sagte, „Wir haben alle noch einen deutschen Pass!“, war das für uns ein bedeutendes Zeichen dafür, dass wir das Richtige getan haben. Wir sind gemeinsam einen wichtigen Schritt zum gegenseitigen Respekt, Verständnis und zur Freundschaft gegangen. (Walter Sander, SPD-Ortsverein Stockum)

 

Hocherfreulich und bemerkenswert fand ich, dass auch diesmal wieder Angehörige und Nachkommen, einige von weither zur Verlegung der Stolpersteine angereist sind. Dass sie die weite Reise nicht scheuten, hängt wohl auch mit der einfühlsam-vorsichtigen Art zusammen, den Kontakt zu ihnen aufzunehmen, zu pflegen und sie einzuladen. Wenn ich mir das Schicksal des einzelnen Verfolgten zu vergegenwärtigen versuche, scheint mir ein Stolperstein eine vergleichsweise kleine Geste zu sein; und diese Geste wird von den Angehörigen mit Dankbarkeit angenommen - das ist eigentlich schwer zu fassen. Und als dann vor dem Haus Mozartstraße 12 der Brief von George Wolff vorgelesen wurde, löste dies - wohl nicht nur bei mir - innerste Schmerzen aus, weil nicht ungeschehen gemacht werden kann, was damals geschah, und weil Erinnerung für die Zukunft zwar versucht werden kann, aber fragil, wenn nicht weitgehend wirkungslos ist. Umso dankbarer müssen wir deshalb für einen solchen Brief sein. Dass auch die 4. Verlegung von Stolpersteinen in Witten mit Einsatz, Empathie und Arbeit - auch seitens der Schüler - verbunden war, darf gesagt werden. Nun wünsche ich dem Arbeitskreis Stolpersteine weiterhin eine gute Zusammenarbeit, denn die kleinen Messingplatten müssen gepflegt und die Erinnerung an die Menschen, für die sie gelegt wurden, wach gehalten werden. (Heide Dahlmann, „Erinnern für die Zukunft“)

 

 

Bild: Stolpersteinverlegung vor dem Haus, Mozartstraße 12 am 25.11.2015

Foto: Jörg Fruck

 

 

 

 

Handschriftenpatin Elisabeth Lammers-Schöttes zusammen mit dem Geschichtsstudenten Marcel Kühnen (21). Foto: Walter Fischer / Funke Foto Service

 

Diese Wittenerin kann fast alles lesen

 

Elisabeth Lammers-Schöttes ist die Handschriftenpatin des Stadtarchivs. Sie hilft Mitarbeitern und Besuchern, alte Texte zu entziffern. Ein Ehrenamt.

 

Sagt eine Handschrift etwas über einen Menschen aus? „Nein, eine schlechte Handschrift spricht nicht gegen einen Charakter, sondern ist nur ärgerlich für den Leser“, antwortet Elisabeth Lammers-Schöttes lachend. Sie muss es wissen. Denn sie ist eine Handschriften-Expertin. Die ehemalige Deutschlehrerin hilft im Stadtarchiv, wenn es darum geht, alte Schriften oder schlecht Lesbares zu entziffern. Alles ehrenamtlich.

 

Mit ihrer Arbeit unterstützt die pensionierte Pädagogin seit 2012 nicht nur die Mitarbeiter des Archivs, sondern auch Heimatforscher, Menschen, die mehr über ihre Familiengeschichte erfahren möchten, aber auch Schüler, die sich etwa mit dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg in Witten beschäftigen wollen.

 

1818 schenkten die Hochzeitsgäste dem Brautpaar Geld

 

Derzeit befasst sich die 70-Jährige mit Aufzeichnungen der einstigen Hirtenschule in Rüdinghausen aus den Jahren 1864 bis 1875. Was sie darin erfährt: Eltern stellten Anträge, um ihre Kinder den halben Tag von der Schule befreien zu lassen, „damit diese sich noch als Viehtreiber betätigen konnten“.

 

Was Lammers-Schöttes in Erstaunen versetzte, war eine Hochzeitsgabenliste von 1818 aus Herbede. „Ich dachte, dass man damals Kühe, Schafe oder Weizen geschenkt hätte. Aber die Liste zeigt: Es gab Geld zur Hochzeit!“ Die Namen der Schenker wurden mit den Beträgen einzeln aufgelistet.

 

Das Entziffern von Schriften sei keine besondere Gabe, sondern einfach eine Übungssache und eine Frage der Geduld, erzählt die ehemalige Lehrerin bescheiden. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Es gibt natürlich Menschen mit einer Sauklaue, die ein F in vier verschiedenen Varianten schreiben.“ Bei schwierigen Wörtern liest sie erst den Rest des Satzes und erschließt sich das Komplizierte zum Schluss. „Wenn ich das Wort dann immer noch nicht weiß, lasse ich es offen. Raten, das geht ja nicht, sonst ist der Text für das Archiv nicht mehr verwertbar.“

 

Feldpost mit einem Foto des Soldaten Emil von 1916

 

Alles, was Elisabeth Lammers-Schöttes liest, hält sie erst einmal selbst handschriftlich fest. „Dann schreibe ich es noch einmal mit dem Computer.“ An fremden Handschriften fasziniert sie das Individuelle, sagt sie. Und bedauert, „dass heute in der Schule so wenig Wert darauf gelegt wird. Da geht etwas verloren“.

 

Drei Monate Arbeit hatte die Handschriftenpatin mit dem Hofarchiv Rosendahl, das Aufzeichnungen aus der Zeit von 1754 bis 1920 enthält. Rosendahl, das war ein Kötterhof in Bommern. Die Unterlagen, die dem Stadtarchiv geschenkt wurden, bieten ein Füllhorn an Themen. Sie geben Auskunft über Hochzeiten, Erbschaften, Pachtverträge, Taufen und Getreidepreise. „Da tauchen ganz viele Wittener Namen auf, da gibt es etliche Querverbindungen zur Lokalgeschichte.“

 

Für das Archiv hat Elisabeth Lammers-Schöttes auch eine Feldpostkarte von 1916 entziffert, die ein Emil seiner Schwester in Bommern aus Oberhofen schickte. Der Soldat ist in Uniform mit Pickelhaube auf der Vorderseite der Karte zu sehen. Ein kleines Dokument zum Ersten Weltkrieg.

 

Auch Everhard Maria Junge-blodt hat die Handschriftenpatin geholfen, der mit der Annener Familie Burgschulte verwandt ist. Diese brachte über drei Generationen Gastwirte hervor. Jungeblodt, ein Kölner, schrieb über seine Familiengeschichte zwei Bücher. Lammers-Schöttes übersetzte für ihn Dokumente in Sütterlinschrift. Jungeblodt: „Das war großartig.“

 

 

Paten für Restaurierungsarbeiten gesucht

 

Das Stadtarchiv sucht Menschen, die es durch Spenden ermöglichen wollen, dass besonders schöne Stücke des Archivs restauriert werden können. Leiterin Dr. Martina Kliner Fruck: „Wir haben nicht den Etat, um alles, was notwendig ist, machen zu lassen. Es gibt bei uns einen Restaurierungsstau.“

Wer als Pate helfen möchte, damit der „Zahn der Zeit“ nicht Erhaltenswertes zerstört, kann sich beim Stadtarchiv melden unter: Tel: 02302/581 2415.

 

 

Zitiert aus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), Lokalteil Witten vom 29.07.2015, Jutta Bublies

 

Bild: Weiße Handschuhe sind zum Schutz des alten Archivmaterials Pflicht: Handschriftenpatin Elisabeth Lammers-Schöttes zusammen mit dem Geschichtsstudenten Marcel Kühnen (21), der derzeit ein vierwöchiges Praktikum im Stadtarchiv Witten macht.

Foto: Walter Fischer / Funke Foto Service

 

 

 

 

Buchcover "Das KZ-Außenlager in Witten Annen. Geschichte, städtebauliche Nutzung und gesellschaftspolitischer Umgang seit 1945" von Ralph Klein

 

Stadtarchiv Witten fördert neue Studie zum KZ-Außenlager Buchenwald in Witten-Annen

 

Am 7. August 2015 lud das Stadtarchiv den Buchautor Ralph Klein (Historiker), Vertreter der Presse und der Bürgerinitiative l(i)ebenswertes Annen sowie den Sohn einer russischen Zwangsarbeiterin und eines niederländischen Zwangsarbeiters zur aktuellen Buchvorstellung mit Quellenpräsentation in das Stadtarchiv ein. Die Publikation, gefördert durch die Bürgerinitiative l(i)ebenswertes Annen und den Stadtgeschichtsfonds des Stadtarchivs Witten, ist im Buchhandel für 19,90 € erhältlich. Eine E-Book-Version kann unter www.litwebshop.de erworben werden:

 

Klein, Ralph: Das KZ-Außenlager in Witten Annen. Geschichte, städtebauliche Nutzung und gesellschaftspolitischer Umgang seit 1945. LIT VERLAG, Berlin 2015. [171 S.] ISBN: 978-3-643-13109-6

 

 

Zum Inhalt des Buches

 

In der vorliegenden Studie, die aus der Mitarbeit des Autors in einer Arbeitsgruppe des Projekts „Soziale Stadt Annen“ hervorging, wird die Geschichte des ehemaligen KZ-Außenlagers mit seiner Nachgeschichte bis in die Gegenwart untersucht. Sie setzt die vor rund 30 Jahren begonnene Erforschung des ehemaligen Lagers fort, erschließt seine Baugeschichte und stellt die Arbeit der Wittener KZ-Insassen in den Kontext der NS-Zwangsarbeit in Witten-Annen. Gleichsam wird untersucht, wie mit dem Lagergelände und wie mit der Erinnerung an das Lager seit 1945 umgegangen wurde. Es zeigt sich, dass die in Witten allgemein verbreitete Auffassung, das Lager sei 40 Jahre lang vergessen und durch einen Zufall von einer Schulklasse wieder entdeckt worden, nicht zutrifft. Ausgehend von der Arbeit der Schülerinnen und Schüler werden Vorschläge für einen Umgang mit der NS-Vergangenheit gemacht, der sowohl den demographischen Wandel in der Gesellschaft als auch neuere Forschungsergebnisse zur Gedenkstättenarbeit berücksichtigt.

 

Weitere Literatur und Archivquellen zum Thema können nach Terminvereinbarung im Nutzerraum des Stadtarchivs eingesehen werden wie zum Beispiel:

 

Das Konzentrationslager Witten-Annen: Ein Außenkommando des KZ Buchenwald. Hg. Klasse 10a des Albert-Martmöller-Gymnasiums im Schuljahr 1984/1985. [11 S.]

 

Völkel, Klaus. „Hier ruhen 22 Genossen zu Tode gequält...“: Gedenkschrift für die Opfer der Zwangsarbeit in Witten, 1941-1945. Hg. Stadt Witten. Verlag Dr. Dieter Winkler. Bochum 1992. [87 S.]

 

Grieger, Manfred; Völkel, Klaus. Das Außenlager „Annener Gußstahlwerk“ (AGW) des Konzentrationslagers Buchenwald September 1944 - April 1945. Hrsg. Stadt Witten, der Stadtdirektor, Stadtarchiv. Essen 1997. [96 S.]. Wenige Restexemplare sind für 10 € zugunsten des Stadtgeschichtsfonds im Stadtarchiv Witten erhältlich.

 

Künstlerischer Ideenwettbewerb zu einer Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Buchenwald in Witten-Annen: Dokumentation. Hg. Stadt Witten, Planungsamt. Witten 1993. [103 S.] Die Dokumentation ist zum Preis von 2,50 € zugunsten des Stadtgeschichtsfonds im Stadtarchiv Witten erhältlich.

 

 

 

 

Geschichte hautnah: 70 Jahre nach Kriegsende erweist sich das Stadtarchiv als lebendiger Lernort

 

Foto: Jörg Fruck, Stadt Witten

 

Auch klassischer Geschichtsunterricht ist faszinierend, ganz klar. Wirklich greifbar wird Geschichte aber erst, wenn sie von Menschen erzählt, von Zeitzeugen erinnert wird. Das haben auch Abiturient/innen der Holzkamp-Gesamtschule erfahren, als sie im Wittener Stadtarchiv dem NS-Zwangsarbeiter Berend Proper (91) begegneten.

 

Stadtrundgang und Gespräch: der Geschichte ganz nahe kommen

 

Fast 70 Jahre nach Kriegsende besuchten im Februar Berend Proper mit seiner Familie und Jan van Bremen, Sohn des ehemaligen NS-Zwangsarbeiters Gert van Bremen und Freund der Familie, das Stadtarchiv Witten. Nach einem Stadtrundgang mit und für Berend Proper im Ortsteil Annen, seinem zwangsweisen Einsatzort in der Rüstungsproduktion im Annener Gussstahlwerk, präsentierte das Stadtarchiv eine Auswahl von Schrift- und Bildquellen für die Gäste aus den Niederlanden.

 

Ein anschließendes (Presse-) Gespräch mit Beteiligung einiger Schüler der Holzkamp-Gesamtschule, jeweils einem Vertreter des Geschichtsvereins Annen e. V. und des „Arbeitskreises Stolpersteine Witten“ ermöglichte im Anschluss an die stadtgeschichtlichen Informationen einen Dialog zwischen den Generationen, vor allem eine Teilhabe der jugendlichen Gäste an den Erinnerungen von Berend Proper – an das Lagerleben, an die Zwangsarbeit und die Rückkehr in die Niederlande nach seiner Befreiung.

 

Wie die Schülerinnen und ein Schüler der Holzkamp-Gesamtschule und ihre Geschichtslehrerin Niki Kontomichi-Joost die Begegnung mit Proper und van Bremen erlebten, dokumentiert ein Brief an das Stadtarchiv, der im anschließenden Geschichtsunterricht entstand.

 

Brief der Geschichtslehrerin und Zitate der Schüler/innen

 

Sehr geehrte Frau Dr. Kliner-Fruck, sehr geehrte Damen und Herren des Stadtarchivs Witten,

 

hiermit möchten wir uns noch einmal herzlich für Ihre Einladung zum Pressetermin in Ihrem Stadtarchiv am 27.02.2015 bedanken. Zusammen mit Schülerinnen und Schülern aus meinem Geschichtskurs in der Q.2 (13. Jahrgangsstufe) erhielten wir die großartige Gelegenheit zu einem Gespräch mit Herrn Berend Proper, einem ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter, und Herrn Jan van Bremen, dessen Eltern während des Zweiten Weltkrieges ebenfalls Zwangsarbeit in Witten leisten mussten.

 

Herr Proper, mittlerweile 91 Jahre alt, ließ uns teilhaben an seinen eindrucksvollen Schilderungen seiner schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen als niederländischer Zwangsarbeiter. Besonders bemerkenswert war seine aufgeschlossene und freundliche Ansprache insbesondere der jugendlichen Gäste, auf deren Fragen er aufmerksam und bei aller Ernsthaftigkeit des Themas auch humorvoll antwortete. So ermöglichte er ein offenes, in mehreren Sprachen geführtes Gespräch, welches meinen Schülerinnen und Schülern anfängliche Berührungsängste nahm.  Für den Geschichtsunterricht sind meiner Erfahrung nach solche Begegnungen mit Zeitzeugen, die authentisch von den Grauen des nationalsozialistischen Terrorsystems noch berichten können, von unschätzbarem Wert. Sie prägen nachhaltig das Geschichtsbewusstsein der jungen Generation. Wir sind dankbar dafür, dass Sie mit Ihrer Arbeit im Stadtarchiv zu dieser Bereicherung der Bildungsarbeit einen entscheidenden Beitrag leisten. Im Folgenden möchte ich Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern zitieren, die die Wichtigkeit solcher Begegnungen unterstreichen.

 

Mir war es eine große Ehre, Herrn Proper persönlich kennen lernen zu dürfen. Seine Freundlichkeit gegenüber uns Deutschen sowie seine Fröhlichkeit und sein Humor haben mich sehr beeindruckt. Ich empfinde großen Respekt vor Herrn Proper, dass er nach so vielen Jahren zurück nach Witten gekommen ist, um sich diesem schlimmen Kapitel seiner Vergangenheit zu stellen. Die Berichte von Zeitzeugen der NS-Verbrechen sind für mich von sehr großer Bedeutung. Mich schockieren die Erzählungen der Opfer dieser Verbrechen immer wieder, ich empfinde dabei eine unglaubliche Traurigkeit und Fassungslosigkeit darüber, dass so etwas geschehen konnte. Zeitzeugenberichte und die Emotionen, die dadurch ausgelöst werden, tragen maßgeblich dazu bei, dass die Verbrechen der NS-Zeit nicht in Vergessenheit geraten, und sichern, dass solche Verbrechen in Deutschland nicht wieder begangen werden.“

 

Marie Rinschen (18 J.), Abiturientin der Holzkamp-Gesamtschule

 

Für mich ist ein Treffen mit einem Zeitzeugen des Nationalsozialismus bzw. des Holocaust wertvoller als wenn ich auf Öl oder Gold stoßen würde. Denn es ist mir persönlich wichtig, etwas über die Vergangenheit zu wissen. Außerdem ist es eine wertvolle Abwechslung zu den Quellen, die ein totes Buch mir vorlegt.“

 

Georgij Loptev (19 J.), Abiturient der Holzkamp-Gesamtschule

 

Die Pressekonferenz mit dem Zeitzeugen, Herrn Berend Proper, war sehr aufschlussreich. Normalerweise hört man viel über die Judenverfolgung, aber die NS-Zeit aus einer anderen Perspektive, nämlich der eines Zwangsarbeiters, dargestellt zu bekommen, war sehr bereichernd. Die Anwesenden haben sehr offen geredet und es herrschte eine entspannte Atmosphäre. Es war sehr schön, dass wir Fragen stellen durften und sich ein Gespräch ergeben hat. Ich habe viele interessante Dinge gelernt.“

 

Sara Ronge (18 J.), Abiturientin der Holzkamp-Gesamtschule

 

 

Bild: Schüler/innen der Holzkamp-Gesamtschule mit Berend Proper im Stadtarchiv. (Foto: Jörg Fruck, Stadt Witten)

 

 

 

 

Foto: J. Fruck, Pressestelle der Stadt Witten

 

Investition in die Zukunft IV: LISE läuft wieder in Witten

 

Nach einer Pause in 2014 nimmt das Stadtarchiv Witten dieses Jahr wieder an der Landesinitiative Substanzerhalt (LISE) teil. Rund 130 Kilogramm Archivalien und weitere 20 Archivkartons gefüllt mit ausgewähltem Archivgut wurden in Zusammenarbeit mit dem LWL- Archivamt für Westfalen zur „Blockentsäuerung“ und „Einzelblattentsäuerung“ auf die Wege nach Leipzig und Brauweiler gebracht. Durch Spezialverfahren in den dortigen Restaurierungszentren wird das originäre Archivgut gegen den Papierzerfall und für zukünftige Digitalisierungsprojekte gestärkt.

 

Aufgrund dieser Maßnahme zum Bestandserhalt stehen ab sofort bis voraussichtlich Herbst 2015 folgende Unterlagen nicht mehr für die Nutzung zur Verfügung:

 

  • Geburtsregister Annen, Bommern, Herbede, Rüdinghausen, Stockum und Witten 1901-1904
  • Heiratsregister Annen und Herbede 1931-1934
  • Heiratsregister Witten 1933-1934
  • Sammelakten zu den Heiratsbüchern Annen, Stockum und Herbede 1931-1934
  • Adressbuch des Regierungsbezirks Arnsberg 1863

 

Für das durch Landesmittel geförderte Projekt wählte das Stadtarchiv dieses Jahr vornehmlich Personenstandsunterlagen aus, die in den Registraturen der Standesämter besonders beansprucht wurden. Sie sind seit 2009 erstmals für Wissenschaft und Forschung in den Kommunalarchiven zugänglich und bieten neben ihrer Originalität einen hohen Informationsgehalt für amtliche Zwecke und Forschungsanliegen.

 

Das Kulturforum Witten dankt dem Land NRW für die finanzielle Förderung der Maßnahme zum Substanzerhalt und dem LISE-Team des LWL-Archivamts für Westfalen in Münster für die hervorragende Projektleitung und Projektbegleitung. Das Stadtarchiv hofft auf eine Fortsetzung des Projekts nach 2015, und darauf, dass LISE dann auch wieder in Witten laufen wird.

 

 

Bild: Leidenschaftlich für LISE (v. links): Ana Muro, Dr. Martina Kliner-Fruck (Stadtarchiv Witten) und Sabine Heumüller (LWL-Archivamt für Westfalen); Foto: J. Fruck, Pressestelle der Stadt Witten

 

 

 

 

Albert Chambon mit Ehefrau Nicole und Kindern Isabelle und Jérôme bei ihrer Ankunft in den USA 1945

 

Stadtarchiv Witten erinnert an den französischen KZ-Häftling Albert Chambon

 

70 Jahre nach Kriegsende und Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald veröffentlicht das Stadtarchiv Witten einen Auszug aus den Erinnerungen des ehemaligen französischen KZ-Häftlings Albert Chambon, die 1961 in Frankreich in Buchform erschienen sind. Das Stadtarchiv erwarb die Rechte für eine deutschsprachige Fassung, deren Edition mit redaktionellen Anmerkungen in Planung ist. Unterstützt wird das Projekt von einer ehrenamtlich tätigen Übersetzerin und der in Frankreich lebenden Tochter des Albert Chambon, der 2002 verstorben ist.

 

Geboren 1909 in Châlons-sur-Marne wurde Chambon 1944 in Paris als Mitglied der französischen Résistance-Bewegung verhaftet und zunächst in das Gefängnis Fresnes eingeliefert. Von dort verschleppten ihn die deutschen Besatzer über das Konzentrationslager Royallieu bei Compiègne am 21. August 1944 in das Konzentrationslager Buchenwald. Im Oktober 1944 überstellte ihn die SS in das KZ-Außenlager Buchenwald in Witten-Annen, wo er mit mehr als 700 männlichen KZ-Gefangenen bis Ende März 1945 Zwangsarbeit im Gussstahlwerk Annen leisten musste. Nach seiner Befreiung bei Lippstadt durch Einheiten der US-Armee kehrte er nach Frankreich zurück und emigrierte noch 1945 in die USA.

 

Im folgenden Textauszug erinnert sich Albert Chambon an den so genannten Evakuierungsmarsch, der in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1945 durch SS-Wachleute erzwungen wurde:

 

„... Diese Notizen haben hier aufgehört. Danach kam zwangsläufig der Marsch von Witten-Annen nach Lippstadt über Dortmund, um der Einkreisung der beiden alliierten Flügel zu entkommen, die schließlich bei Lippstadt zusammentrafen, am 1. April, dem Ostertag, dem Tag der Auferstehung, an dem Tag, genauer gesagt, in der Nacht, als wir selbst dort ankamen.

 

Von diesem ganzen Weg von neunzig Kilometern, den wir in drei Tagen und drei Nächten zurücklegten, bleiben uns nur einige Erinnerungen hier und da in unserem Gedächtnis hängen. Denn wir können uns nicht genau an das erinnern, was passiert ist. So sehr hatte unsere körperliche, mentale und moralische Erschöpfung die Grenzen des menschlichen Wesens überschritten. Alles ist verschwommen von diesen Stunden und diesen Tagen, die wir immer nur durch einen Nebel erlebt haben. Und wenn wir manchmal im Geiste diesen Weg wieder zurücklegen wollen, scheint es uns nicht, dass wir ihn als lebende Wesen zurückgelegt haben.

 

Marschbefehle und Gegenbefehle werden die ganze Nacht gegeben. Aufmarsch, dann zurück in die Baracken; wieder Aufmarsch, dann zurück in die Baracken … Unmöglich zu schlafen, so groß ist unsere Unruhe. Sicher werden wir nicht den Händen der Alliierten „ausgeliefert“ werden. Werden wir dann zwischen die beiden Fronten geraten und sind wir genau vor unserer Befreiung dazu bestimmt zu sterben, vielleicht von den alliierten Truppen getötet zu werden?

 

Die meisten von uns fürchten vor allem, dass man uns auf die eine oder andere Weise vor dem deutschen Rückzug hinrichtet, vermutlich mit dem Maschinengewehr und mit dem Flammenwerfer. Beunruhigende Gerüchte sind dazu im Umlauf. Aus Buchenwald sollen Befehle eingetroffen sein. Was können wir tun? Nichts als beten mit der Angst in unseren Herzen.

 

Am Morgen gegen sechs Uhr holt man uns aus dem Lager und wir marschieren los. Wir wissen nicht, in welche Richtung man uns mitnimmt. Jedenfalls haben wir die Stadt schnell hinter uns gelassen. Vielleicht evakuiert man uns nach Buchenwald? Aber die Züge verkehren wohl sehr schlecht wegen dieser unaufhörlichen Bombardierungen. Wenn wir zu Fuß gehen müssen, werden „sie“ uns jedenfalls nicht sehr weit mitnehmen können wegen des Zustands körperlicher Erschöpfung, in dem wir uns befinden. Wir gehen nah an einer am frühen Morgen ruhigen, kleinen Kirche vorbei.

 

Mit dem Gepäck der SS beladene schwere Holzkarren auf zwei Rädern werden im Wechsel der Gruppen von fünfzehn bis achtzehn Gefangenen gezogen, mit Hilfe von Riemen, die man uns über die Schultern legt. Wir können die Füße nicht heben, die über den Boden schleifen.

 

An diese Karren geschirrt und vor Schwäche unter den Schlägen zusammenbrechend, scheint es uns, dass wir einen Teil dessen erleben, was Christus erlitt, als er geschlagen, beschimpft, stolpernd und erschöpft das schwere Kreuz auf seiner Schulter nach Golgatha trug.

 

Wir wissen, dass wir erschlagen werden, wenn wir fallen. Dennoch müssen wir zusätzlich auf diese schon so schweren Karren diejenigen Kameraden legen, die zusammenbrechen, sonst wird ein Revolver in ihren Nacken knallen.

 

Die Kanone donnert vor uns, hinter uns, neben uns. Wir denken nicht mehr an die mögliche Befreiung. Wann? Wie könnte sie jetzt geschehen? Wir werden vorher hingerichtet werden. Es gibt keine Träumerei mehr, keine Hoffnungen, keine Träume, keine Verzweiflung, wir sind vernichtet. Nur dies eine: wir müssen aushalten, aushalten, wie gewohnt aufrecht bleiben. ...“

 

Auszug aus: Chambon, Albert: 81490, Verlag Flammarion, Frankreich 1961, übersetzt von Gerda Bonsiepen für das Stadtarchiv Witten, derzeitige Arbeitsfassung S. 88 f.

 

Bildtitel: Albert Chambon mit Ehefrau Nicole und Kindern Isabelle und Jérôme bei ihrer Ankunft in den USA 1945

 

Bildnachweis: Fotosammlung Stadtarchiv Witten, Foto: privat

 

 

 

 

Buchdeckel "Das Alte Haus"

 

Stadtarchiv stellt neu-entdeckten Historischen Roman vor

 

Leseprobe aus:

 

Tafel, Eugenie
Das alte Haus. Eine Erzählung aus dem sechzehnten Jahrhundert.
Gotha, Gustav Schloeßmann 1899
[Leipziger Buchbinderei-A.G. vorm. Gustav Fritzsche, Leipzig-Berlin]
Leinen, 344 S., 3-facher-Rotschnitt

 

 

1. Witten.

 

Es war an einem Herbstmorgen im Jahre 1577. Über dem Ruhrthal lag dichter Nebel, so undurchdringlich, daß der ortskundige Ritter von Hoete Mühe hatte, den Pfad am Ufer des Flusses zu finden, und sich fast mehr auf sein Pferd verlassen mußte. […]

[…] Der Ritter ließ langsam im Schritt sein Pferd gehen, konnte er sich doch an dieser Gottespracht nicht satt genug sehen. Noch ein kleines Stück Weg, und das Ziel desselben wurde sichtbar, „das Haus auf dem Berge“, oder wie es später hieß: „Haus, oder Schloß Witten,“ so benannt nach dem sich daran schließenden Dorfe Witten, jetzt eine blühende Fabrikstadt. […]“

 

Der historische Roman „Das Alte Haus" aus dem 16. Jahrhundert wurde Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben. Die Autorin Eugenie Tafel wirft einen Blick in die Grafschaft Mark (Witten und Umgebung) des 16. Jahrhunderts, und kombiniert Fiktion mit realen Bezügen zur Wittener Stadtgeschichte. Das Buch, das eine Wittenerin wieder entdeckte und dann im Stadtarchiv recherchierte, steht nun zur Ansicht und zum „Schmökern“ im Nutzerraum zur Verfügung. Die Schriftstellerin und Haushaltsmanagerin Eugenie Tafel widmete es „den Verwandten im Crengeldanz in dankbarer“ Liebe.

 

Informationen zur Autorin

 

Eugenie Johanna Elisabeth Tafel wurde am 12.02.1834 in Tübingen als erstes von acht Kindern der Wilhelmine Tafel geborene Müllensiefen (1809-1872) und des Johannes Friedrich Immanuel Tafel (1796-1863) geboren. Sie war eine Enkelin des Peter Eberhard Müllensiefen (1766-1847), Unternehmer und Landrat für den Kreis Iserlohn, der seine Söhne Gustav und Theodor bei der Gründung (1825) und Führung der Glasfabrik Gebr. Müllensiefen, die auf dem Grund des Gutes Crengeldanz betrieben wurde, beriet.

 

Das Elternhaus der Autorin war geprägt durch die beruflichen und theosophischen Tätigkeiten ihres Vaters, der als Universitätsbibliothekar in Tübingen und Professor für Philosophie u. a. die Swedenborg'sche Lehre [siehe Emanuel Swedenborg, geb. 1688, verstorben 1772] in Deutschland verbreitete und dabei ideell und finanziell von seinem Schwager Theodor Müllensiefen unterstützt wurde. Eugenie Tafel gehörte wie ihre Mutter und ihre Geschwister der evangelisch-lutherischen Kirche an. Nach dem Tod ihres Vaters zog die unverheiratete und kinderlose Eugenie Tafel mit ihrer Mutter und ihren Schwestern nach Düsseldorf. Fünf Jahre später übernahm sie die Leitung eines gräflichen Haushalts mit Erziehung der Kinder. 1875 zog Eugenie Tafel nach Godesberg und begann dort ihre schriftstellerische Tätigkeit. Zu ihren Werken zählen u.a. Erzählungen und Novellen, zahlreiche praktische Ratgeber für die Haushaltführung und Kochbücher, die zum Teil in mehrfacher Auflage erschienen sind. Eugenie Tafel starb am 22.04.1908 in Wernigerode.

 

 

Quellen u. a. Pataky, Sophie: Lexikon deutscher Frauen der Feder Bd. 2. Berlin, 1898., S. 355, vgl.: http://www.zeno.org/nid/20009080287; vgl. auch: Groth, Friedhelm: Peter Eberhard Müllensiefen, Iserlohner Landrat von 1818 bis 1836, in seinen Beziehungen zum Tübinger Swedenborgianer Immanuel Tafel, in: Blätter zur Deilinghofer Kirchengeschichte, Heft 3b, Iserlohn 1995. Deutsches Geschlechterbuch: Genealogisches Handbuch Bürgerlicher Familien, hrsg. von B. Koerner, Bd. 109, 1940, S. 269 ff.; http://www.wlb-stuttgart.de/fileadmin/user_upload/sammlungen/drucke/swedenborg/Tafel_Immanuel.pdf Stadtarchiv Wernigerode, Sterberegister 95/1908.

 

 

Artikel aus der WAZ vom 10.09.2014, Susanne Schild

 

Artikel aus den Ruhr-Nachrichten vom 10.09.2014, Ferry Radix

 

 

Bild: Eugene Tafel: Das Alte Haus 1899 [Leipziger Buchbinderei-A.G. vorm. Gustav Fritzsche, Leipzig-Berlin]

Repro: Jörg Fruck

 

 

 

 

Ausstellungstipp des Stadtarchivs Witten: An der „Heimatfront“

 

Das Stadtarchiv Witten empfiehlt den Besuch der Wanderausstellung „Westfalen und Lippe im Ersten Weltkrieg“ des LWL-Museumsamtes für Westfalen. Sie wird bis zum 5. Oktober 2014 im Stadtmuseum Münster gezeigt. Unter den Ausstellungsexponaten befindet sich auch eine Leihgabe des Kulturforums Witten.

 

Glasstiefel 1014

 

Prolog

 

7. Juni 1914: Der Fuhrmannsverein „Gute Fahrt“ in Langendreer feiert sein 4. Stiftungsfest. Zu den Höhepunkten, so berichtet die Lokalpresse, zählen ein Festumzug mit auswärtigen „Brudervereinen“ und die Fahnenweihe. Anlässlich dieser Feierlichkeiten schenkt der am Ort ansässige Kaufmann Louis Löwenthal, Mitglied der Synagogengemeinde Witten, der später nach Dortmund verzieht, den Fuhrleuten ein stiefelförmiges Trinkgefäß aus Glas. Von einer feucht-fröhlichen Feststimmung an jenem Junitag ist auszugehen. Diese entspricht der Atmosphäre an vielen Orten in Deutschland. Die sich ankündigende Kriegsdynamik wird durch sie beschleunigt werden. – Wenige Wochen später kommt es zu Kriegserklärungen europäischer Nationalstaaten und das vierjährige mörderische Schlachten beginnt.

 

Der gläserne Stiefel überstand trotz der Fragilität des Materials beide Weltkriege. Louis Löwenthal, geboren 1863 in Lödingsen, in den 1930er-Jahren in Witten wohnhaft, wurde mit seiner Ehefrau Johanna geborene Rollmann im Juli 1942 von Dortmund in das so genannte Ghetto Theresienstadt, von dort in das SS-Vernichtungslager Treblinka deportiert und zwei Monate später ums Leben gebracht.

 

 

Weitere Informationen zur Wanderausstellung¹

 

Der Erste Weltkrieg beeinflusste alle Lebensbereiche und stellte eine neue Qualität des Kriegslebens dar. „Front“ und „Heimat“ waren dabei eng miteinander verbunden. Der Zivilbevölkerung sollte neben der wirtschaftlichen und finanziellen Sicherung des Krieges auch die moralische Unterstützung der Truppen obliegen. Doch unter dem Eindruck des Kriegsverlaufs wich die anfänglich vielfach positive Stimmung zunehmend einer Desillusionierung.

 

Die Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes für Westfalen beleuchtet die Geschehnisse exemplarisch aus dem Blickwinkel der Menschen in der Region. Die Präsentation möchte eine „Innenansicht“ des Alltags in Westfalen und Lippe im Zeichen von Not, Entbehrung, Trennung und Verlust geben. Es werden Aspekte wie Mobilmachung, Versorgung, Familie, Arbeit, organisierte „Liebestätigkeit“, Versehrtheit, Kriegsende und private Kriegserinnerung berücksichtigt.

 

 

¹ Quelle: LWL-Museumsamt für Westfalen

 

 

Die Ausstellung wird 2014 / 2015 in acht Museen in Westfalen-Lippe gezeigt. Nähere Informationen zu den Ausstellungsstationen, das wissenschaftliche Begleitmaterial und museumspädagogische Programme finden Sie hier.

 

Artikel aus der WAZ vom 14.08.2014

 

 

Foto: Jörg Fruck

 

 

 

 

Wittener Tageszeitung von 1929 in Süddeutschland gefunden

 

Artikel aus der WAZ vom 22.07.2014, Susanne Schild

 

 

 

 

Schüler forschen im Stadtarchiv

 

Herausragende Facharbeiten zu stadtgeschichtlichen Themen

 

Schüler forschen im Stadtarchiv Witten

 

Artikel aus der WAZ vom 03.07.2014, Jutta Bublies

 

 

Foto: Jörg Fruck

 

 

 

 

Schreibende Soldaten des Infanterie-Regiments 56

 

Gesucht wird: – Kriegstagebuch aus dem Ersten Weltkrieg –

 

Stadtarchive bitten um Unterstützung aus der Bevölkerung

 

Das Stadtarchiv Wesel arbeitet derzeit an einer Buchpublikation zum Ersten Weltkrieg mit dem Arbeitstitel „Ein Weseler Regiment im Krieg“. Die Geschichte des in Wesel beheimateten 7. Westfälischen Infanterie-Regimentes 56 (IR 56), das an der Westfront eingesetzt war, wird anhand der Kriegschronik des Regiments, des im Stadtarchiv Wesel aufbewahrten Traditionsguts und persönlicher Unterlagen und Berichten von Kriegsteilnehmern dargestellt werden. Das 1954 der Stadt Wesel übergebene heutige Traditionsgut enthält neben einigen hundert Fotografien zahlreiche Berichte von Ehemaligen.

 

Gesuchtes Kriegstagebuch befand sich in Durchholz

 

Ein Kriegstagebuch – es dürfte sich u. a. um eine Sammlung von Briefen an die Familie handeln, die in ein Tagebuch beziehungsweise eine Kladde geschrieben wurde – führte auch der Vizefeldwebel Wilhelm [der Vorname ist derzeit noch strittig] Koch aus Durchholz. Nach derzeitigem Forschungsstand im Stadtarchiv Wesel kehrte Koch nicht aus dem Krieg zurück, sondern gilt seit dem 29. Oktober 1918 als vermisst. Sein Tagebuch jedoch befand sich in den 1930er Jahren im Besitz seines Bruders Fritz Koch, der damals in Durchholz 78 gewohnt haben soll. Dr. Martin Roelen, Leiter des Stadtarchivs Wesel, zu Kriegstagebüchern aus dem Ersten Weltkrieg: „In teilweise ausführlichen Briefen schilderten die Kriegsteilnehmer das Er- und Durchlebte, äußerten sich mitunter recht frei und schrieben bisweilen Klartext. Diese sehr persönlichen Dokumente sind wichtige individuelle Zeugnisse, die einen ganz anderen Blick auf die Kriegsereignisse werfen können.“

 

Sachdienliche Hinweise zum gesuchten Tagebuch

 

Nachdem das Stadtarchiv Wesel in der vergangenen Woche Kontakt zum Stadtarchiv Witten aufgenommen hatte, wurde dort und in den Beständen benachbarter Archive der Heimat- und Geschichtsvereine nach dem Verbleib des Tagebuchs und der Durchholzer Familie gesucht – bisher ohne Erfolg. Daher bitten die genannten Stadtarchive nun um Unterstützung für das Forschungs- und Publikationsprojekt durch eine breitere Öffentlichkeit. Sachdienliche Hinweise zum Kriegstagebuch von [Wilhelm] Koch oder zu seinem Bruder Fritz und Nachfahren aus Durchholz richten Sie bitte an:

 

Stadtarchiv Wesel: Dr. Martin Roelen, Tel.: 0281 1645 403, E-Mail: martin.roelen@wesel.de

 

Stadtarchiv Witten: Dr. Martina Kliner-Fruck, Tel.: 02302 581 2415, E-Mail: martina.kliner-fruck@stadt-witten.de

 

 

Bild: Schreibende Soldaten des Infanterie-Regiments 56 (Frankreich, Chemin des Dames, 1917), Stadtarchiv Wesel N63,14

 

 

 

 

Kartonballet

 

Für LISE – ein Boxen-Ballett für den Erhalt von Archivgut

 

Im Nutzerraum des Stadtarchivs spielten sich in den vergangenen Wochen zeitweise ungewöhnliche Szenen ab. Handelte es sich bei den hellen Kartons in lockerer Formation, die nachts und an besucherfreien Tagen das Bild des Nutzerraums prägten, um eine neue Kunstinstallation? Die Antwort auf diese Frage ist recht profan: 700 Kilogramm Archivgut wurden aus den Entsäuerungsmaßnahmen gegen Papierzerfall, der Landesinitiative Substanzerhalt (LISE), zurück erwartet, und bei der rätselhaften Schachtellage handelte es sich um Archivboxen, die vor ihrer Befüllung gelüftet wurden.

 

Ab Mitte Januar 2014 sind dank der hervorragenden Arbeit des LWL - Archivamtes für Westfalen in Münster und dank der finanziellen Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen die gegen den Papierzerfall gestärkten Archivalien wieder nutzbar.

 

 

 

 

Buchcover Wickmann

 

Stadtarchiv fördert neue Buchpublikation zur Unternehmensgeschichte aus dem Stadtgeschichtsfonds

 

Die Wickmann-Werke. Vom Reparaturbetrieb zum Weltunternehmen

 

Ohne die elektrische Sicherung wäre die Entwicklung von Motoren, Haushaltsgeräten, Radio, Telefon, Beleuchtungseinrichtungen, Fernsehen, Computern und Raumfahrt im 20. Jahrhundert kaum denkbar gewesen. Kein elektrisches Gerät, keine elektrische Anlage kommt ohne sie aus. Erst spät stieg sie von der bloßen „Sollbruchstelle“ zu einem eigenständigen Bauteil nach dem Vorbild des wesentlich prominenteren Transistors auf.

 

Einen großen Anteil an der Entwicklung elektrischer Sicherungen für unterschiedlichste Anwendungen hatte die Firma Wickmann. Als Reparaturwerkstatt für elektrische Sicherungen 1918 in Dortmund gegründet, produzierte sie diese seit 1923. 1930 wurde das Unternehmen nach Witten-Annen verlegt, wo es bis zu seinem Ende im Jahr 2007 seinen Hauptsitz behielt. Mehr als 1.000 Menschen arbeiteten phasenweise in dem Unternehmen und brachten es weltweit an die Spitze der Sicherungshersteller.

 

Der Historiker Ralph Klein stellt die Geschichte dieses bedeutenden elektrotechnischen Unternehmens vor. Der Techniker Manfred Rupalla geht auf die Geschichte der Sicherung selbst ein.

 

 

Bibliographische Angaben:

Ralph Klein / Manfred Rupalla
Die Wickmann-Werke
Vom Reparaturbetrieb zum Weltunternehmen
300 Seiten, Broschur, Abb., 24,95 €
ISBN 978-3-8375-1051-5
Klartext-Verlag, Essen

Im Buchhandel erhältlich!

 

 

 

 

EN-Archive tauschen Schätze aus

 

Von Witten nach Sprockhövel

Zusammenarbeit von Stadtarchiven und dem Förderverein Bergbauhistorischer Stätten e.V. ist für alle ein Gewinn

 

Es ist guter Brauch unter den Archiven des Ennepe-Ruhr-Kreises, Archvalien, die den anderen „Sprengel“ betreffen, abzugeben, als Original, Digitalisat oder nur befristet als Leihgabe.

 

Und so war das Treffen zwischen den Leiterinnen der Stadtarchive Witten und Sprockhövel, Dr. Martina Kliner-Fruck und Karin Hockamp in Witten eigentlich Alltagsgeschäft, wenn nicht noch weitere Gäste daran beteiligt gewesen wären.

In diesem Fall war auch der Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V. mit an Bord. Seine beiden Sprockhöveler Vertreter Hans-Dieter Meisehen und Uwe Peise sind speziell an Archivalien zur Bergbaugeschichte interessiert und haben die Möglichkeit, auch großformatige Unterlagen für den Verein und die Archive zu digitalisieren und damit für eine breite und schnelle Nutzung zugänglich zu machen.

Vom Stadtarchiv Witten wurde an das Stadtarchiv Sprockhövel abgegeben:

 

1.  Vier Bildpostkarten von 1900 bis 1955 mit Abbildungen der Zechen Alte Haase und  Deutschland,

2.  Fragmente eines Vermessungsplans der Kleinbahn Bossel-Blankenstein, die zwischen 1910 und 1968 durch Sprockhövel und das Hammertal fuhr,

3.  Als Leihgabe: Eine Baugenehmigungsakte (1916-1920) mit dem Bauantrag der Zeche Gewerkschaft Barmen zur Errichtung eines Wohnhauses und Nebengebäude zur Unterbringung von Kriegsgefangenen. Zwar gehörte das Zechengelände zum Bereich des Amtes Sprockhövel, der Neubau jedoch sollte nördlich des Pleßbachs auf Durchholzer Gemeindegebiet entstehen. So gelangte die Akte über das Amt Herbede in das Stadtarchiv Witten. Auf der Zeche Gewerkschaft Barmen haben während des 1. Weltkriegs 135 Kriegsgefangene, überwiegend Franzosen, geschuftet, das war etwa ein Drittel der Belegschaft. In Hinblick auf das nächste Jahr, in dem sich der Beginn des 1. Weltkriegs zum 100. Mal jährt, ist dies eine besonders interessante Akte.

 

Alle Beteiligen waren sich einig, dass Austausch und Kooperation von Stadtarchiven und Vereinen für alle Seiten von großem Nutzen sind, da das unterschiedliche Wissen und die Fertigkeiten sich ergänzen und die historische Kulturarbeit in der Region bereichern.

 

Foto: von links: Nigel Knell (Stadtarchiv Witten), Dr. Martina Kliner-Fruck (Stadtarchiv Witten), Uwe Peise (Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V.), Karin Hockamp (Stadtarchiv Sprockhövel), Hans-Dieter Meisehen (Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V.)

 

Foto: Stadt Witten (J. Fruck)

 

 

 

 

Bildübergabe

 

Viele Kleinode im Fundus: Märkisches Museum und Verein für Orts- und Heimatkunde rücken näher zusammen

 

Es lagern Unmengen geschichtlicher Schmankerl im Kabinett des Märkischen Museums. Der Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark (VOHM) hat dort seinen beträchtlichen Fundus gelagert.

 

Davon sollen die Wittener Bürger in nächster Zeit mehr profitieren. Mit wechselnden Themenschwerpunkten rücken die Historiker Altes in den Fokus. So wie mit der derzeitigen Ausstellung "Stadt-Ansichten", die parallel zur Kunstausstellung des Märkischen Museums zu sehen ist. Bis zum 25. August können sich die Wittener in ihre Heimatgeschichte vertiefen. Was insbesondere jetzt zur Ferienzeit auch für Kinder ein attraktives Angebot ist.

 

Raum für Historie

 

Aber auch danach will das Museum dem Verein Räume für historische Ausstellungen überlassen. Christian Kohl vom Märkischen Museum und zugleich Kurator der Ausstellung: "Wir wünschen uns eine Kooperation mit dem Verein für Orts- und Heimatkunde Wange an Wange. Museum und Verein haben Kleinode im Fundus, die sich nicht verstecken müssen. Unser Museum ist nicht groß, aber edel. "

 

Um das enorme Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter des Vereins für Orts- und Heimatkunde zu würdigen, präsentierte gestern das Stadtarchiv ein Überraschungs-Geschenk. Dr. Martina Kliner-Fruck überreichte dem Verein eine alte Fotografie von Friedrich Soeding (1834-1914). Der Wittener Fabrikant war Gründungsmitglied des VOHM und langjähriger erster Vorsitzender bis zu seinem Tod. Außerdem war er Begründer des Märkischen Museums.

 

Große Beachtung

 

Dass ein Ausstellungs-Angebot zur Wittener Stadtgeschichte im Museum große Beachtung findet, zeigte bereits die Ausstellung vor zwei Jahren anlässlich des 125-jährigen Bestehens des VOHM. "Die Besucher unserer Ausstellung stellten ein Fünftel des gesamten Jahresaufkommens", erinnert sich Irene RumpIer, Schriftführerin des VOHM.

 

Auch für nächste Präsentationen sieht sich der Verein für Orts- und Heimatkunde bestens gerüstet. "In unserem Besitz befindet sich die Soedings Münzsammlung geistlicher Territorien mit rund 1900 Exemplaren. Außerdem eine Sammlung von Bismarck-Gedenk-Medaillen, die größer ist als die in Berlin", sagt Dr. Ralf Molkenthin, Vorsitzender des VOHM.

 

Quelle: Ruhrnachrichten vom 23.07.2013, Lisa Timm

 

Bild: Christina Wildvang und Dr. Ralf Molkenthin (v.l.) vom Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark haben von Dr. Martina Kliner-Fruck ein altes Foto von Friedrich Soeding erhalten. Er war Begründer des Märkischen Museums und Gründungsmitglied des Vereins für Heimatkunde. Christoph Kohl (2.v.r.) vom Märkischen Museum freut sich über die Verzahnung von Kunst und Kulturgeschichte in seinem Hause.

 

Foto: Jörg Fruck

 

 

 

 

Papierkonservierung im Entsäuerungsbad; Foto: Zentrum für Bucherhaltung

 

 

Investition in die Zukunft III

 

Stadtarchiv lässt Archivgut konservieren - Chemie verlangsamt den Verfall

 

„Das Stadtarchiv kann auch 2013 an der `Landesinitiative Substanzerhalt` (LISE) teilnehmen“, berichtet Institutsleiterin Dr. Martina Kliner-Fruck.

 

Diesmal werden rund 700 Kilogramm ausgewähltes Archivgut zur Konservierung nach Brauweiler und Leipzig geschickt. In einer Entsäuerungslösung (Lauge) wird der pH-Wert des Papiers aus dem sauren Bereich in den alkalischen Bereich gebracht, denn saures Papier zerstört sich im Laufe der Zeit selbst. Durch die chemische Behandlung verlängert sich die Lebensdauer um ein Vielfaches und stabilisiert die wertvollen Originale zudem für künftige Digitalisierungsprojekte. „Wir bedanken uns beim Land NRW für die finanzielle Förderung und dem LISE-Team des LWL-Archivamts Westfalen für die fachliche Beratung, Projektentwicklung und praktische Unterstützung“, so Dr. Kliner-Fruck.

 

Wegen der Konservierungsmaßnahme sind folgende Dokumente ab dem 13. Mai vorübergehend für die Nutzung gesperrt: Urkundenbücher zu Eheschließungen 1901 bis 1932 und Sterbefälle 1874 bis 1900 des Standesamtsbezirks Witten, Magistratsbeschlüsse 1910 bis 1933, Personalakten der Bürgermeister 1869 bis 1957, Melderegister für Annen, Bommern, Herbede, Heven, Stockum, Protokollbücher der ehemaligen Gemeinden Annen, Herbede und Stockum, Steuerlisten und Wehrstammrollen für Witten und Herbede.

 

Quelle: Presseinformation der Stadt Witten vom  07.05.2013 (hs)

Foto: Zentrum für Bucherhaltung

 

 

 

Arbeitskreis der EN-Archive

 

 

Scannen und Wegwerfen ist keine Lösung

 

Unter dem Motto „Alles digital?“ befassten sich die Leiter der Kommunalarchive des Ennepe-Ruhr-Kreises sowie des Kreisarchivs bei einem Arbeitstreffen am Montag in Witten mit den Herausforderungen durch die moderne Datentechnik. Die Experten besichtigten zu Beginn außerdem die neuen Räume des Wittener Stadtarchivs im Saalbau.

 

Die digitale Bereitstellung von Archivgut in den Leseräumen der Archive und im Internet ist längst keine Vision mehr. „Elektronische Beständeübersichten und Findbücher der öffentlichen Archive sind bereits oder gehen in Kürze online“, so Dr. Martina Kliner-Fruck, Leiterin des Wittener Stadtarchivs. Die Archive im Bereich der Findmittel und Verzeichnisse mit möglichst einheitlicher Software auszustatten und zu vernetzen, sei der erste notwendige Schritt, sagte Archivreferentin Dr. Antje Diener-Staeckling vom LWL-Archivamt von Westfalen: „Da müssen wir erst einmal alle auf einen Stand bringen.“

 

Des Weiteren seien auch dem Digitalisieren von Behördenakten Grenzen gesetzt, führte Diener-Staekling aus: „Wir können nicht einfach alles einscannen und die Akten dann wegschmeißen.“ Sie verwies zum einen auf die Rechtspflicht, Originale aufzubewahren, zum anderen auf die begrenzte Speicherzeit digitaler Medien, die nur für maximal zehn Jahre als sicher gelten würden. Lösungen, ihre digitale Daten länger zu sichern, könnten Kommunen am besten im Verbund finden, empfahl die Referentin.

 

Quelle: derwesten.de, 30.04.2013 

 

 

 

 

Jacqueline Shelton-Miller und ihre Söhne Aaron (li.) und Joshua auf dem jüdischen Friedhof in Annen

 

 

US-Besuch in Witten: Auf den Spuren der Familie Rosenthal

 

Jacqueline Shelton-Miller steigen Tränen in die Augen, als sie die Bilder ihrer Vorfahren in der Rosenthal-Residenz sieht.

Das frisch sanierte Gebäude an der Ecke von Bebel- und Friedrich-Ebert-Straße gehörte einst der Familie ihrer Großeltern. Die Rosenthals waren eine jüdische Kaufmannsfamilie aus Annen, nur wenige von ihnen überlebten die Tyrannei der Nazis.

 

Heute ist das Haus ein Seniorenheim, eine ältere Dame zeigt sich ein wenig verwundert über den Besuch von Mrs. Shelton aus San Francisco. Mit ihr betreten auch zwei ihrer Kinder, ein paar Freunde und einige andere Interessierte das Gebäude. Die Familie knipst zahlreiche Fotos, vor allem von der Wand, an denen Bilder ihrer Vorfahren hängen. „Ich kannte die Motive an sich zwar schon, aber sie hier zu sehen, das war einfach noch mal etwas anderes“, sagt die dreifache Mutter nach dem Besuch.

 

Neben dem alten Familienhaus besucht die Familie auch den jüdischen Friedhof in Annen, auf dem Jakob und Sarah Rosenthal begraben sind. Aaron (10) und Joshua (7) legen kleine Steine auf die Ruhestätten der Ururgroßeltern, die sie vom Grab des Großvaters aus San Fransisco mitgebracht haben. Das ist jüdische Tradition. „Und ihre Art, eine Verbindung zu ihren Angehörigen zu knüpfen“, erklärt Jacqueline Shelton-Miller in fließendem Deutsch.

 

Ein Jahr hat sie in Göttingen studiert, Germanistik und Politik. Sie muss hier vor allem an den Vater denken, Günter Schönenberg, der als einzig Überlebender 1947 in die USA emigrierte. „Ich weiß, er fände es bedeutsam, dass wir hier sind. Er hat sich immer so sehr für die Geschichte seiner Familie interessiert.“ Der zehnjährige Aaron fügt auf Englisch hinzu: „Sie haben Steine an das Haus unser Großeltern geworfen, wir wollten selber einmal sehen, wo dieser Ort ist.“

 

Trotz der Zerstörung des Kaufhauses in der Reichspogromnacht und den im KZ ermordeten Verwandten, von denen die Jungen noch nichts wissen: Die Familie sieht sich nicht als Opfer. Sie seien stolz auf ihr jüdisches Leben und auf ihre Vorfahren. „Sie waren so wichtige Leute in Witten“, sagt die Amerikanerin bewundernd.

 

Über das Interesse der Wittener an ihr und ihren Vorfahren ist sie erfreut, aber doch auch ein bisschen verwundert. Martina Kliner-Fruck vom Stadtarchiv, die die Führung durch die Stadt organisiert hat, erklärt: „Geschichte ist nicht nur eine Sache der Vergangenheit, sie ist auch für uns heute bedeutsam.“

 

In Deutschland ist die Familie, weil sie von einer Gedenkfeier für den in Gelsenkirchen aufgewachsenen Vater erfuhr. Dort werden am Montag „Stolpersteine“ für Opfer des Rassenwahns gelegt. Anschließend reist die Gruppe auf den Spuren ihrer Familie nach Amsterdam.

 

Quelle: derwesten.de, 28.04.2013, Cindy Riechau

 

Bild: Jacqueline Shelton-Miller und ihre Söhne Aaron (li.) und Joshua auf dem jüdischen Friedhof in Annen; Foto: Jörg Fruck

 

 

 

 

Geschichtsverein Bommern im Stadtarchiv

 

Angebot der Archiverkundung lockte viele Besucher

 

Der Heimat- und Geschichtsverein Bommern (HGV) und das Stadtarchiv hatten am Dienstag (9.4.) gemeinsam zur Erkundung des Archivs in der Saalbau-Passage eingeladen – ein Angebot mit überwältigendem Erfolg, von dem alle überrascht waren. Institutsleiterin Dr. Martina Kliner-Fruck schickt dazu folgenden Bericht:

 

„Der Vorsitzende des HGV, Klaus Wiegand, war davon ausgegangen, dass sich etwa 10 bis 15 Interessierte zur Archiverkundung einfinden würden - wenn überhaupt. Doch es kam ganz anders. Der Archivvormittag verlief noch ganz normal - mit zehn Besuchern, die an Mikrofilmlesegeräten, in Amtsakten oder Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte forschten, Beratung suchten oder beglaubigte Urkundenkopien wünschten. Aus der Verwaltung wurde eine Aktenübernahme angeliefert, und die telefonisch Anfragenden wurden wie an „solchen“ Tagen üblich nur kurz informiert. Mittags bereiteten zwei Studierende und ein Schülerpraktikant noch eine für den Nachmittag geplante Präsentation vor. Nach unserem Konzept kann eine 15- bis 20-köpfige homogene Nutzergruppe bei einem Erstbesuch durchaus zeitgleich informiert und trotzdem individuell beraten werden. Dazu gehört im Stadtarchiv Witten meist ein Dialog zwischen Jüngeren und Älteren, Experten und Newcomern und das Be-greifen von Originalen - dies selbstverständlich mit Schutzhandschuhen.

 

 

Die Überraschung

 

Am Nachmittag kam die Überraschung: Ab 15 Uhr strömten über 40 Bommeraner in den neuen Nutzerraum des Stadtarchivs, der über einen barrierefreien Eingang in der Saalbau-Passage zugänglich ist. Ich war überwältigt von dem großen Andrang. Die größte Freude war für alle, dass der fast 88-jährige Hans-Ulrich Hake, das Geschichtsgedächtnis Bommerns, als Rollstuhlfahrer in die Saalbau-Passage gekommen war. Nachdem alle Sitzgelegenheiten – selbst Bürostühle – besetzt waren, ging es los. Fragen – Antworten – Fragen: Wer ist nutzungsberechtigt? Ab wann führen welche Archive Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden der ehemaligen Standesämter Bommern und Annen? Wie hießen die Männer auf dem ausgestellten Gruppenbild der letzten Gemeindevertretung? Mattes Jonasson, derzeit Schülerpraktikant im Stadtarchiv, hatte seine Fragen an den Bommeraner Geschichtsverein vorbereitet, die von Klaus Wiegand und anderen Sachkundigen beantwortet wurden. Dabei lernte der 16-jährige, dass „früher“ ein sehr dehnbarer Begriff ist.

 

Ein weiteres Highlight: Interessierte konnten die Magazinräume „im Bauch des Saalbaus“ besuchen. Klaus Wiegand kündigte an, diesen Dialog gerne in Kleingruppen fortführen zu wollen, um manches zu vertiefen. Zum Abschluss übergab die Handschriftenpatin des Stadtarchivs, Elisabeth Lammers-Schöttes, zwei Poesiealben aus dem frühen 20. Jahrhundert und der NS-Zeit an den HGV für sein Erzählcafe. Dies war nach Absprache des Stadtarchivs mit der Schenkungsgeberin vorab vereinbart worden.“

 

 

Quelle: Presseinformation der Stadt Witten vom 11.04.2013 (Dr. Martina Kliner-Fruck)

 

 

 

 

Die jungen Forscherinnen des diesjährigen Geschichtswettbewerbs der 9. Jahrgangsstufe am Ruhr-Gymnasium im Stadtarchiv

 

Die Geschichte einer Nachbarschaft

 

Schüler forschten im Stadtarchiv zur NS- Zeit und nahmen an bundesweitem Wettbewerb teil

 

Artikel aus der WAZ vom 01.03.2013, Anna Ernst

 

Bild: Die jungen Forscherinnen des diesjährigen Geschichtswettbewerbs der 9. Jahrgangsstufe am Ruhr-Gymnasium im Stadtarchiv.

Foto: Jörg Fruck

 

 

 

 

Besuch von Georgij Jermakow im Stadtarchiv

 

Allein im Bombenhagel

Georgij Alexandrowitsch Jermakow wurde als Zweijähriger nach Witten verschleppt

 

„Ich trage bei meiner Reise das Gefühl tiefer Bitterkeit in mir. Denn meine Mutter ist inzwischen tot und man kann für sie nichts mehr ungeschehen machen“, so fasst Georgij Alexandrowitsch Jermakow zusammen, was ihn auf seiner Fahrt zu den Stationen von Zwangsarbeit und Verschleppung seiner Familie bewegt.

 

Am Freitagabend führt sie den 70-Jährigen aus Weißrussland nach Witten. Im Stadtarchiv erhält er Kopien alter Unterlagen über seine Familie, z. B. von den Meldekarten, die noch auf Mikrofilm erhalten sind. Denn gemeinsam mit seiner Mutter und Großmutter, seiner Tante und seinem Onkel wurde er im Krieg 1944 nach Deutschland verschleppt. Im August brachten die Nazis die Familie zur Zwangsarbeit ins so genannte „Gemeinschaftslager Fischertal“ (Sprockhöveler Straße/Fischertalweg). Die älteren Verwandten mussten im nahen Reichsbahnausbesserungswerk arbeiten. „Mit den Unterlagen werde ich wohl zur Ruhe kommen“, denkt Jermakow, der sich erst im Alter wieder mit dem Thema Zwangsarbeit beschäftigt hat. Nach der Rückkehr in die Heimat sei nicht mehr viel darüber gesprochen worden, das habe wohl viel mit Verdrängung zu tun. Immerhin: Körperlich unversehrt war die Familie nach der Befreiung Deutschlands von den Nazis zurückgekehrt. Doch auf der Seele sind Narben zurückgeblieben. Auf dem Rückzug vor der Roten Armee, so Georg Wehner, der Kölner Betreuer von Jermakow und seiner Ehefrau Monika, hätten die Deutschen auch ganze Familien nach Köln verschleppt und als Zwangsarbeiter angeboten.

 

„Für die Jermakows hat sich dort aber kein Arbeitgeber interessiert, so kamen sie nach Witten“, erläutert er. Seine Kölner Projektgruppe Messelager organisiert Besuchsprogramme für Zwangsarbeiter. Kürzlich hatte sie ein Interview mit Jermakows Tante, Jewgeija Markowna Swirepo, geführt. Die heute 81-Jährige schilderte, dass sie damals in Witten noch zu jung zum Arbeiten war und deshalb das Lager sauber halten musste. „Es gab da kaum etwas zu essen. Wenn sie sauber gemacht hatte, büchste sie daher aus in die Stadt und ging betteln“, beschreibt Wehner Inhalte des Interviews, das er dem Wittener Stadtarchiv jetzt zur Verfügung gestellt hat. Dort kann es eingesehen werden. In solchen Situationen sei damals der kleine Georgij im Lager auf sich allein gestellt gewesen, wenn Bomben fielen: „Die Tante hatte ihm für solche Fälle gezeigt, wo er Schutz suchen soll.“ Insgesamt, so der Wittener Historiker Ralph Klein, seien im Zweiten Weltkrieg 24 000 Zwangsarbeiter und italienische Militärangehörige interniert gewesen.

 

Dass die Jermakows ihren Aufenthalt im Wittener Lager überstanden haben, war Glück“, meint Historiker Ralph Klein. Gerade im Lager Fischertal habe es viele Todesfälle gegeben, was für die schlechten Lebensbedingungen dort spreche.

 

Vor allem, nachdem im Dezember 1944 die Kantine von Bomben zerstört wurde, sei die Versorgungslage für die knapp 500 Insassen geradezu katastrophal geworden. Viele seien aus dem mit Stacheldraht umzäunten und von der Schutzpolizei bewachten Gelände geflohen. Wenn Georgij Jermakow die Augen schließt und versucht, sich an seine Zeit als Kind im Wittener Lager zu erinnern, sieht er auch heute noch viele zerstörte Häuser vor sich und fühlt die Freude aller, als es endlich im kaputten Eisenbahnwaggon nach Hause ging.

 

Seine Mutter hat noch zu ihren Lebzeiten eine Entschädigung für ihre Zwangsarbeit bekommen. Mehr als andere, sagt er. Doch das ist ihm nicht wichtig. Was ihn freut nach seinem Besuch in Deutschland, der ihn auch in eine Bochumer Schule führte: „Es ist sehr beeindruckend, dass wir hier so viele getroffen haben, die das Schicksal meiner Familie wichtig nehmen.“

 

Quelle: Ruhrnachrichten, 24/09/2012, Susanne Linka

 

 

 

 

Investition in die Zukunft II

 

Originale für die Zukunft sichern

 

 

Das Stadtarchiv Witten nimmt auch in 2012 an der Landesinitiative zum Substanzerhalt von Archivgut teil und wird einige seiner Bestände zur Papierentsäuerung nach Brauweiler und Leipzig versenden. Diese präventive Maßnahme verlangsamt mittels zweierlei Verfahren den Verfall von Papier, schützt die Originale nachhaltig und dient der Bestandserhaltung für zukünftige Nutzungen. Mit dieser Aktion möchte das Stadtarchiv sein Archivgut gleichzeitig für Digitalisierungsprojekte stabilisieren. In diesem Jahr wurden folgende Bestände ausgewählt, die ab dem 20. Februar 2012 für etwa zehn Monate nicht genutzt werden können:

 

  • Urkundenbücher zu Geburten 1874 – 1900 und Eheschließungen 1874 – 1900 des Standesamtsbezirks Witten inkl. der Namensregister bis 1900 (Recherchen sind in den Namensregistern 1874 – 1881 und für Sterbefälle bis 1900 möglich).

  • Personenstandsunterlagen des ehemaligen Standesamtsbezirks Annen zu Geburten 1874 – 1900, Eheschließungen 1874 – 1930 und Sterbefällen 1874 – 1961 inkl. der Namensregister

  • Magistratsbeschlüsse der Stadt Witten 1847 – 1910

 

Für diese Einschränkungen bittet das Team des Stadtarchivs um Verständnis. Das Kulturforum Witten dankt dem Land NRW für die finanzielle Förderung des Substanzerhalts und dem Projektteam des LWL-Archivamts für Westfalen für die fachliche Beratung, Projektentwicklung und praktische Unterstützung in 2012.

 

Foto: Jörg Fruck

 

 

 

 

Stadtarchiv ermöglicht ersten Zugang zu selbstständiger Recherche in Personenstandsunterlagen

 

Die Namensregister des Standesamtsbezirks Witten von 1874 bis 1881 sind elektronisch erfasst. Archivnutzer können die etwa 15.000 Einträge zu Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle für den genannten Zeitraum in einer Druckfassung im Nutzerraum des Stadtarchivs ab dem 16. Januar 2012 einsehen. Die Einträge (Name, Vorname und Urkundennummer) bieten eine Grundlage für selbstständiges Recherchieren und den Einstieg für weitere Forschungen. In den nächsten Monaten werden die Erschließungsarbeiten fortgeführt.

 

 

 

 

„Anti-Aging-Maßnahme“: Stadtarchiv begrüßt die 1. Lieferung entsäuertes Archivgut

 

Team Stadtarchiv mit LWL-Archivamt

 

 

Rund 350 Kilogramm Archivgut ist am Mittwoch (19.10.) deutlich weniger sauer aus dem Zentrum für Buchentsäuerung in Leipzig über das LWL-Archivamt in Münster in das Stadtarchiv Witten zurückgekehrt. Die in dem Projekt „Substanzerhalt“ des Landes NRW konservatorisch behandelten Archivalien kommen nun in die Magazine zurück.

 

Sabrina Heumüller, Restauratorin im LWL-Archivamt, resümiert: „Die Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Witten war bisher perfekt, sowohl in der Vorbereitung als auch in der organisatorischen Abwicklung. Mit Frau Muro hatte ich eine direkte Ansprechpartnerin, die mir bei Fragen sofort zur Seite stand. Das Ergebnis für Witten ist bisher durchweg positiv. Wir haben die Erhöhung des pH-Wertes im Papier erzielt und den Papierzerfall verlangsamt.“

 

„Die erste Lieferung aus der Blockentsäuerung wird von einigen Nutzern schon ‚sehnsüchtig’ erwartet“, berichtet die Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Martina Kliner-Fruck. Es handelt sich um Ratsprotokolle ab 1945, Stadtverordnetenbeschlüsse ab 1886, Verwaltungsberichte der Stadt Witten ab 1865, Adressbücher und Namensverzeichnisse zu Personenstandsurkunden Herbede, Rüdinghausen, Stockum. Letztere sind besonders für amtliche Anfragen und für Forschungszwecke gefragt.

 

Die eigentliche Arbeit vor Ort hat das Team des Stadtarchivs in den nächsten Wochen zu leisten. Noch ist nicht alles wieder an seinem Platz und weitere Lieferungen folgen. „Wir danken für die Geduld unserer Nutzer und den Kolleginnen beim LWL-Archivamt für die professionelle Begleitung in dem laufenden Projekt. Mich freut besonders, dass das Land NRW und unsere Kommunalpolitiker in die nachhaltige Sicherung von Archivgut und damit in den Erhalt des Gedächtnisses unserer Stadt investieren“, erklärt Martina Kliner-Fruck.

 

 

Ein starkes Team: Sabrina Heumüller (LWL-Archivamt), Max Bäcker, Ana Muro, Alexandra Weichgräb (Stadtarchiv), Foto: Jörg Fruck

 

 

 

 

Nachhaltige Investition in die Zukunft durch die Sicherung von Archivgut

 

Das Stadtarchiv nimmt in diesem und voraussichtlich auch im nächsten Jahr an der Landesinitiative zum Substanzerhalt von Archivgut teil und wird einige seiner Bestände zur Papierentsäuerung nach Brauweiler und Leipzig versenden. Diese präventive Maßnahme verlangsamt mittels zweierlei Verfahren den Verfall von Papier, schützt die Originale nachhaltig und dient somit der Bestandserhaltung. Das Stadtarchiv Witten möchte mit dieser Aktion sein Archivgut gleichzeitig für zukünftige Digitalisierungsprojekte stabilisieren.

 

Für die aktuell laufende Sicherungsmaßnahme wurden folgende Bestände ausgewählt, die seit dem 18.05.2011 für etwa 8 bis 12 Monate nicht genutzt werden können:

 

  • Rats- und Ausschussprotokolle 1945 - 1960

  • Stadtverordnetenbeschlüsse von Witten, Heven, Stockum, Bommern, Rüdinghausen 1869 - 1934

  • Urkundenbücher zu Geburten 1874-1900, Eheschließungen 1874-1930, Sterbefälle 1874 - 1980 der ehemaligen Standesamtsbezirke Bommern, Herbede, Rüdinghausen und Stockum

  • Namensregister zu den o. g. Urkundenbüchern

  • Ortschronik der Stadt Witten 1945 – 1974

  • Einzelne Verwaltungsberichte der Stadt Witten.

 

Für diese Einschränkung bittet das Team des Stadtarchivs um Ihr Verständnis! Unser aufrichtiger Dank gilt dem Land NRW, das die Entsäuerung kommunalen Archivguts finanziell fördert. Dem Projektteam des LWL-Archivamts für Westfalen danken wir für die fachliche Beratung, Projektentwicklung und praktische Unterstützung unserer Arbeit.

 

 

 

 

Die "Echten": Von Quellen, Kerlen und Hüterinnen des Stadtgedächtnisses

 

Team Stadtarchiv beim Umzug

 

 

Im Keller des Saalbaus wurde in dieser Woche kräftig zugepackt: Mehr als 20.000 Akten, großformatige Archivalien und einzelne Sammlungen mussten aus mehreren Magazinräumen in einen neuen Archivraum umgelagert werden - genau genommen in die Rollregalanlage, die 1975 für das damalige Stadtarchiv installiert wurde. "In den nächsten Monaten sollen auf diese Weise die zahlreichen Magazinstandorte des Stadtarchivs auf einige wenige archivgerechtere Räumlichkeiten konzentriert werden", erklärt Stadtarchivleiterin Dr. Martina Kliner-Fruck. Mit dem Umzug in das Endarchiv ist aktuell die erste Phase geschafft. Im neuen Archivraum lagert nun ein Großteil der archivwürdigen und elektronisch verzeichneten Unterlagen der Stadtverwaltung sowie Nachlässe und Schenkungen, die die stadtgeschichtliche Überlieferung ergänzen.

 

Mäx Bäcker, der "Herr der Akten" und langjähriger Mitarbeiter des Stadtarchivs, ist zufrieden, das zehn Magazinstandorte auf momentan sechs zusammengezogen werden konnten. "Dies erleichtert meine Arbeit etwas bei der Aushebung der Unterlagen für unsere Nutzer." Für die Diplomarchivarin Ana Muro war es der erste Archiv(teil)umzug in ihrem Berufsleben: "Die mehrmonatigen Vorbereitungsarbeiten, die neben den laufenden Tagesgeschäften erledigt werden mussten, haben sich gelohnt. Ich konnte eine übersichtliche Bestandsordnung entwickeln und die Rollregalanlage ist - wenn auch 35 Jahre alt - archivgerechter als unsere früheren Standregale."

Techniker des Saalbaus, Mitarbeiter des Museums und der Bücherei unterstützten die Transportarbeiten tageweise, während mehrere Aushilfskräfte des Kulturforums eine Woche lang täglich Archivkartons gestemmt haben. "Die Arbei war aufwändig, anstrengend und hat bestimmt viel logistische Planung des Stadtarchivs erfordert. Alles sah am Anfang weniger aus als es dann wirklich war. Aber ich findes es wichtig, die Unterlagen zu erhalten, die noch gebraucht werden - und die Rollregalanlage ist zwar alt, aber echt Kult. So etwas habe ich bisher nur im Fersehen gesehen", berichtet der19-jährige Schüler Florian Winkler. Mit von der Partie war auch Joschka Möller (20): "Das Stadtarchiv finde ich wichtig, weil man dort das Geschehen der Vergangenheit durch Einsicht in die Originale immer wieder aktuell abrufen kann." Die 19-jährige Anja Sieling, die derzeit ein Soziales Jahr im Kulturforum absolviert und der Archivleitung bei der Aussonderung von Archivgut stand, erzählt: "Für mich war es sehr interessant, solche alten Akten zu sehen. Es ist spannend zu erfahren, was aufbewahrt werden muss und warum. Erstaunlich ist auch zu lesen, welche Kulurvereine es früher in Witten gegeben hat und welche heute noch existieren." Die Jahrespraktikantin konnte auch erste Ordnungsarbeiten in den Regalen der Kulturverwaltung begleiten: "Vielleicht kann mein neues Wissen helfen, die laufende Registratur des Kulturforums zugriffsschnell zu ordnen, ansonsten frage ich beim Stadtarchiv nach.", so Anja Sieling.

 

Dr. Martina Kliner-Fruck blickt bereits in die nächste Arbeitsphase: "Nachdem die Teams im Saalbau ihre Unterlagen umgezogen haben, können wir weitere Magazinräume aufgeben, und endlich Vorarchivunterlagen bearbeiten." Das bedeutet: Aussondern, magazintechnisch bearbeiten, elektronisch verzeichnen. Denn es lagern dort noch Quellen aus dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit des Wiederaufbaus Witten, die für Forschung und amtliche Nachweise zugänglich gemacht werden müssen."Mit unseren beiden größeren Standorten (Saalbau/Aktenmagazin und Vorarchiv), mit dem Dienstgebäude Ruhrstraße 69, mit Archivgut, das regelmäßig benötigt  und in unseren Leseräumen eingesehen werden kann, und mit zwei Magazinen, die noch überführt werden müssen, werden wir - wenn auch nicht optimal - unsere Aufgabe schaffen", ist sich Kliner-Fruck sicher. Und die Institutsleiterin sieht noch weitere Vorteile an der neuen Lösung: "Nach 15 Jahren können wir endlich wieder Schulklassen durch ein 'echtes' Magazin führen, was Erlebniswert hat. Dann im Theatersaal selbst auf der Bühne zu stehen und in ein Mikrofon über Stadtgeschichte & Co. zu sprechen wäre nicht nur eine spannende Lernerfahrung für Jugendliche, sondern gleichzeitig eine gute Werbung für das Veranstaltungszentrum des Kulurforums. Anmeldungen liegen uns schon vor."

 

 

Bild: Das Umzugsteam mit den studentischen Hilfskräften, v. vorne nach hinten: Ana Muro (Archivarin); Anja Sieling (19); Max Bäcker (Magaziner); Joschka Möller (20); Martina Kliner-Fruck (Leiterin des Stadtarchivs) und Florian Winkler (19)

 

Foto: Jörg Fruck

 

Quelle: Presseinformation der Stadt Witten vom 15.10.2010 (jf/lk)