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Quellen zur NS-Geschichte

Im Staatsarchiv Detmold liegen die Überlieferungen des alten Landes Lippe, die des ehemaligen preußischen Regierungsbezirks Minden von 1816 bis 1947 und die des neuen Regierungsbezirks Detmold. Angeschlossen sind die Kommunalarchive des Kreises Lippe und der Stadt Detmold.

Über die Verwaltungsakten hinaus stehen Nachlässe historisch bedeutsamer Persönlichkeiten, Sammlungen von Fotografien, Karten, Plakaten, Flugschriften und komplette Ausgaben der einheimischen Zeitungen zur Verfügung.

Die Lippe betreffende Sekundärliteratur ist zur Benutzung im Archiv über die Dienstbibliothek des Staatsarchivs oder zur Ausleihe in der nur wenige Minuten entfernten Lippischen Landesbibliothek zu erhalten.



Geschichte und Quellen


Detmold war bis 1947 die Residenzstadt des Landes Lippe, seine Geschichte ist deshalb eng mit der des Landes verbunden.

Im November 1918 war der Erste Weltkrieg zu Ende, auch nach Detmold kehrten geschlagene Truppen zurück. Hier hatte inzwischen eine Revolution stattgefunden: Fürst Leopold IV. hatte abgedankt, ein Volks- und Soldatenrat die Regierung übernommen. Anfang des Jahres 1919 wurde ein Landtag nach demokratischen Regeln gewählt, der eine neue Landesregierung bestimmte: das aus drei Männern bestehende Landespräsidium. Sein führender Kopf war der Sozialdemokrat Heinrich Drake.



Quellen:
Aktenbestände L 10 (Landtag), L 75 (Landespräsidium), L 79 (Regierung), D 106 Detmold (Stadtarchiv);
Lippische Landes-Zeitung (liberal);
Lippische Tageszeitung (konservativ).

Vorbereitete Materialien:
Lippischer Heimatbund (Hg.): Materialien zur lippischen Landesgeschichte, Bd. III: Revolution in Lippe 1918/19. Detmold 1990

 
In Detmold zeigten sich die gleichen politischen, ökonomischen und sozialen Probleme wie im übrigen Deutschland:

  • Kämpfe zwischen Verteidigern und Gegnern der Republik,
  • Inflation
  • Arbeitslosigkeit, hier noch durch die Notwendigkeit verschärft, saisonale Wanderarbeiter, die Ziegler, „seßhaft“ zu machen)
  • Mängel in der sozialen und wirtschaftlichen Infrastruktur (Wohnungsbau, Verkehrswegebau)
  • ein Anwachsen der radikalen Parteien.



Quellen:
Aktenbestände L 10 (Landtagsakten), L 75 (Landespräsidium), L 79 (Regierung), L 80.14 und L 80.15 (Polizei), D 106 Detmold (Stadtarchiv), D 72 Helmuth Petri (Nachlass);
Lippische Landes-Zeitung (liberal);
Lippische Tageszeitung (konservativ);
Volksblatt (sozialdemokratisch).


Vorbereitete Materialien in den Archivpädagogischen Themenheften des Staatsarchivs (Auswahl):
„Die lippischen Ziegler waren auch Gastarbeiter“;
Ostwestfalen in der Zeit der Weltwirtschaftskrise;
Antisemitismus in Lippe in der Zeit des Kaiserreiches und der Weimarer Republik.

 

Schon 1932 hatte die NSDAP die Kommunalwahlen in Lippe gewonnen, im Januar 1933 dann auch die Landtagswahlen. Über 12 Jahre herrschte die NSDAP mit dem Gauleiter des Gaus Westfalen-Nord, Dr. Alfred Meyer, als Reichsstatthalter und Chef der Landesregierung, und mit ihrem lippischen Kreisleiter Adolf Wedderwille.



Die einzelnen Elemente der Politik der NSDAP wurden auch hier spürbar:
  • Verfolgung der politischen Gegner,
  • Gleichschaltung,
  • Antisemitismus mit wirtschaftlichem Boykott, rechtlicher Ausgrenzung, Zerstörung der Detmolder Synagoge im November 1938, Ausplünderung, Zwangsauswanderung, Deportation und Mord.

Die Kriegspolitik zeigte sich im Stadtbild in einem Anwachsen des Kasernenbaus, der zugleich Arbeit und Geld brachte. Detmold war am Vorabend des Krieges mit sechs Kasernen Standort für Infanterie-, Artillerie- und Luftwaffeneinheiten.

Seit dem Kriegsbeginn im September 1939 wurde die lippische Wirtschaft auf die Kriegsbedürfnisse ausgerichtet und in die Rüstungsproduktion eingezogen. Sowohl in der Industrie als auch im Handwerk und in der Landwirtschaft wurden in großer Zahl ausländische Männer und Frauen als Zwangsarbeiter eingesetzt.



Quellen:
Aktenbestände L 75 (Landespräsidium), L 76 (Reichsstatthalter in Lippe), L 80 L (Büro des Staatsministers), L 80.14 und L 80.15 (Polizei), L 113 (NSDAP und NS-Organisationen), D 106 Detmold (Stadtarchiv), D 72 Kenter (Nachlass Erich Kenter);
Lippische Staatszeitung (nationalsozialistisch).

Vorbereitete Materialien in den (Archivpädagogischen Themen-heften (Auswahl):
Rassenlehre und Rassenpolitik der Nationalsozialisten in Lippe;
Der Progrom vom 9./10. November in OWL;
Kirche und Nationalsozialismus in OWL;
Widerstand und Verweigerung in Lippe 1933-1945;
Lippische Kinder und Jugendliche im Zweiten Weltkrieg;
Ostwestfalen und Lippe im Zweiten Weltkrieg.




Detmolder Bürger starben durch den NS-Terror und als Soldaten im Krieg, während die Stadt selbst nur wenige Zerstörungen durch Bombenangriffe erlebte. Anfang April 1945 wurde Detmold von amerikanischen Truppen besetzt und kurz darauf der britischen Armee übergeben. Heinrich Drake wurde wieder als Landespräsident eingesetzt.


1947 schloss sich Lippe dem neuen Bundesland Nordrhein-Westfalen an. Detmold verlor seinen Status als Residenz, wurde aber mit dem Sitz der Bezirksregierung und des Staatsarchivs entschädigt.



Quellen:
Aktenbestände L 10 (Landtagsakten), L 75 (Landespräsidium), L 79 (Regierung), D 106 Detmold A (Stadtarchiv), D 72 Drake (Nachlass), D 72 Diether Kuhlmann (Nachlass), D 72 Staercke (Nachlass);
Freie Presse (sozialdemokratisch);
Lippische Landes-Zeitung (liberal).


Vorbereitete Materialien im Archivpädagogischen Themenheft:
„Stunde Null?“ Ostwestfalen und Lippe 1945.



Dokumente

Am 10. November 1918 hatte sich in Detmold ein Volks- und Soldatenrat gebildet und den lippischen Fürsten Leopold IV. zur Abdankung gezwungen. Mitte November kamen die ersten Soldaten des Infanterie-Regiments 55 in ihre Heimatgarnison Detmold zurück.Der Volks- und Soldatenrat begrüßte sie, um keinen Riss zwischen Heimat und Frontkämpfern entstehen zu lassen und die Soldaten am Neuaufbau zu beteiligen.


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Plakat des lippischen Volks- und Soldatenrates vom 26. November 1918: „Den heimkehrenden Kämpfern zum Gruß“ (D 81 Nr. 396)

Als zum 1. Mai 1919 der jüdische Lehrer Moritz Rülf an der evangelischen Knabenbürgerschule (Volksschule) angestellt wurde, reichten die antisemitischen Proteste von einer Unterschriftenliste von mehreren Hundert Bürgern über den Lippischen Lehrerverein bis zur Lippischen Landeskirche. Als Autor und Verbreiter von Flugblättern und Klebezetteln fiel Friedrich Fischer (= „Germanicus“) auf, der sich schon mit völkischer Heimat- und Kriegslyrik sowie mit antisemitischen Texten hervorgetan hatte. Der gebürtige Detmolder, der seinem Namen selbst ein „Friesenhausen“ anfügte, wurde dafür im Juni 1920 zu einer geringen Geldstrafe verurteilt. In der NS-Zeit konnte er sich als früher Vorreiter des neuen Geistes präsentieren.
Moritz Rülf wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort verliert sich seine Spur.
An Friedrich Fischer-Friesenhausen lobte die Lippische Landes-Zeitung noch im November 1986 die „klare Sprache und zarte Lyrik“.
 


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Im März 1920 in Detmold verteiltes antisemitisches Flugblatt (L 80.15 Nr. 29)


Das auf 100.000 Mann und auf geringen Waffenbesitz reduzierte Heer ließ mit Hilfe rechtsgesinnter Kreise überall in Deutschland geheime Waffenlager anlegen. Als eines dieser Waffenlager in der Nähe von Lage im Oktober 1923 von Kommunisten ausgeräumt worden war, nahm das in Detmold stehende Ausbildungsbataillon des Infanterie-Regiments 18 zahlreiche Hausdurchsuchungen vor. Über diese unrechtmäßige Maßnahme beklagt sich das Landespräsidium mit dem Sozialdemokraten Heinrich Drake an der Spitze. Die illegalen Waffenlager selbst wurden dabei nicht in Frage gestellt.

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Hinweise auf geheime Waffenverstecke der Reichswehr in Lippe (Schreiben des Lippischen Landespräsidiums vom 22. Februar 1924, L 80.15 Nr. 26)


Die Arbeitslosigkeit hatte in Lippe im Frühjahr 1932 mit mehr als 13.000 Betroffenen ihren Höhepunkt erreicht. Als auch noch die Wohlfahrtsrichtsätze und die Fürsorgeleistungen gekürzt wurden, organisierte die KPD einen Sternmarsch auf Detmold. Zwischen den 1.200 Teilnehmern, die zum Regierungsgebäude vordringen wollten, und der Polizei entwickelte sich eine blutige Straßenschlacht. In einem anschließenden Strafverfahren wegen Landfriedensbruch wurden zahlreiche Angeklagte zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt.


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Pressebericht zum „Hungermarsch“ lippischer Arbeitsloser in Detmold, Lippische Landes-Zeitung vom 20. April 1932






Der aus Detmold gebürtige, inzwischen reichsweit bekannte Vortragskünstler Josef Plaut hatte auch das weit über Lippe hinaus bekannte Spottlied auf die „Lippischen Schützen“ im Repertoire. Das Lied wurde in beiden Weltkriegen von den Lippern an der Front gesungen oder gerne gehört. Dass es 1932 von einem jüdischen Künstler vorgetragen werden sollte, nahm die Ortsgruppe Detmold der NSDAP zum Anlass, die Aufführung zu stören und damit auf sich aufmerksam zu machen. Da die NSDAP im Reich und im benachbarten Preußen gleichzeitig um bürgerliche Wähler warb, ohne die sie keine Parlamentsmehrheiten erreichen konnte, wurden die Beteiligten parteiintern bestraft.


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Presseberichte zur Störung des Auftritts des jüdischen Künstlers Joseph Plaut im Lippischen Landestheater in Detmold durch die NSDAP-Ortsgruppe (Lippische Landes-Zeitung vom 12. April 1932, Lippische Tageszeitung vom 13. April 1932)




Bei der lippischen Landtagswahl vom 15. Januar 1933 wollte die NSDAP demonstrieren, dass ihre Anziehungskraft trotz Stimmenverlusten bei einigen vorhergehenden Wahlen ungebrochen war. Im Wahlkampf eignete sie sich den traditionellen deutschnationalen Mythos um das Hermannsdenkmal an und setzte den „Befreier Hitler“ in Parallele zum „Befreier Hermann“. Die Farbgebung Schwarz-Weiß-Rot zielte auf die deutschnationalen Wähler, denen das Schwarz-Rot-Gold der Republik verhasst war. Nachdem Hitler zwei Wochen nach der Landtagswahl zum Reichskanzler ernannt worden war, spielte das „Hermannsland“ für ihn allerdings keine Rolle mehr. Trotz alljährlicher „Erinnerungstreffen“ wurden Detmold und das Denkmal nicht zum nationalsozialistischen Wallfahrtszentrum.


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Plakat der NSDAP zur lippischen Landtagswahl vom 15. Januar 1933 (Lippische Landesbibliothek Soz. 11/53 P)






Der lippische Landespräsident Heinrich Drake hatte in der Landtagswahl vom 15. Januar 1933 seine Mehrheit verloren und wurde von dem Nationalsozialisten Hans-Joachim Riecke abgelöst. Drake verfolgte einen strikt legalistischen Kurs auch gegenüber einer Partei, die die bestehende Rechtsordnung aus den Angeln hebeln wollte. Seine Aufforderung an die Beamtenschaft ließ Zweifel an der Rechtmäßigkeit der neuen Regierung gar nicht erst zu. Drake blieb bei diesem Kurs bis zum Ende des NS-Regimes.




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Pressebericht über die Verabschiedung des bisherigen Landespräsidenten Drake von der lippischen Beamtenschaft (Lippische Landes-Zeitung vom 8. Februar 1933)






In Detmold waren die verbliebenen jüdischen Einwohner ab 1939 in sog. Judenhäusern zusammengedrängt worden. Von hier aus führte der Weg in die Deportation und den Tod. Eine Unzahl von Bestimmungen hatte ihren Verkehr mit Nichtjuden fast unmöglich gemacht. Wilhelm Schmidtmeier, kommissarischer Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Detmold-Süd, war Hausmeister am Detmolder Gymnasium Leopoldinum und im SA-Heim. Er versprach sich von seinen zahlreichen Denunziationen einen weiteren Aufstieg in der NSDAP und damit eine Anhebung seines sozialen Ansehens.


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Antisemitische Denunziation des kommissarischen Leiters der NSDAP-Ortsgruppe Detmold-Süd vom 30. Mai 1942 (L 113 Nr. 849)







Ein junger Soldat aus Langenholzhausen hatte bei einem Fronturlaub im Zug Fotos herumgezeigt, auf denen Morde an Juden festgehalten waren. Dies wurde von einem Mitreisenden dem zuständigen Ortsgruppenleiter und von diesem dem Kreisleiter der NSDAP gemeldet. Die Reaktion des Kreisamtsleiters in Vertretung des Kreisleiters zeigt, dass das wirkliche Geschehen weder angezweifelt noch verurteilt wurde.



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Hinweis auf das Vorzeigen von Fotografien von Judenerschießungen im Schreiben des NSDAP-Kreisamtsleiters Campe vom 29. Juni 1943 (L 113 Nr. 1055)







Ein Vater, auf dessen Veranlassung der folgende Brief mit hoher Wahrscheinlichkeit geschrieben wurde, übersandte ihn der NSDAP-Kreisleitung in Detmold. In Teilen der Bevölkerung schien auch ein Jahr nach der verheerenden Niederlage in Stalingrad die Siegesgewissheit ungebrochen zu sein.


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Brief eines „wehrwilligen“ Kindes an Hitler vom 23. Dezember 1943 (L 113 Nr. 1058)







Die folgende Meldung zeigt, dass es auch in einer kleinen Stadt Menschen gab, die das Wesen der NS-Herrschaft durchschauten und es wagten, Zeichen dagegen zu setzen. Sie zeigt aber auch, wie schwer es war, den Protest öffentlich zu machen. Es ist nicht überliefert, ob der Verfasser entdeckt wurde.


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Bericht des kommissarischen Leiters der NSDAP-Ortsgruppe Horn vom 6. September 1944 über ein gegen Hitler gerichtetes Flugblatt (L 113 Nr. 796)








Die Siegeszuversicht des NSDAP-Kreisleiters beruhte auf den scheinbaren Erfolgen der 1944 eingesetzten Raketen V 1 und V 2, den „Wunderwaffen“, und einer Offensive des Heeres im Dezember 1944 in den Ardennen, die allerdings nach wenigen Tagen zusammenbrach. Große Teile der NSDAP und der Bevölkerung waren noch nicht bereit, anzuerkennen, dass der Krieg verloren war und dass das Wartheland, wo der Empfänger des Schreibens stationiert war, kurz vor der Eroberung durch die Rote Armee stand.


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Glauben an den „Endsieg“ in einem Schreiben des Kreisleiters Adolf Wedderwille vom 9. Januar 1945 (L 113 Nr. 1067)







„Panzerfaust“ und „Panzerschreck“ waren die Waffen, mit denen der aus alten Männern und aus Jugendlichen bestehende „Volkssturm“ die alliierten Truppen aufhalten sollte. Ihre Bedienung sollte entsprechend einfach sein. Zwei Wochen vor dem Abdruck dieser Anleitung war in Lage bei Detmold ein Unteroffizier tödlich verunglückt, als er die angeblich einfache Bedienung einer Panzerfaust demonstrieren wollte.

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Anleitung zur Bedienung der Panzerfaust (Lippische Staatszeitung vom 27. Februar 1945)

 


Heinrich Drake war am 17. April 1945 von der neuen Militärregierung wieder als Landespräsident bestellt worden. Gegenüber allen Fragen zu Kriegsschuld, Moral, Behandlung von Opfern und Tätern stellte er die Notwendigkeit in den Vordergrund, das Alltagsleben so zu organisieren, dass die Bevölkerung überleben konnte. Drake genießt in Lippe bis heute hohe Verehrung.

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Aufruf des wieder eingesetzten Landespräsidenten Drake vom 27. April 1945 (D 81 Nr. 142)







Vom Januar 1945 bis ins Jahr 1948 kamen zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene aus Osteuropa und aus den deutschen Ostgebieten nach Lippe. Es handelte sich in der Mehrzahl um Kinder, Frauen und alte Menschen. Sie besaßen nichts außer dem, was sie bei sich tragen konnten. Nach der Volkszählung von 1950 lebten in Detmold samt den später eingemeindeten Nachbargemeinden 9.898 Flüchtlinge und Vertriebene. Das waren 24,5% der Gesamtbevölkerung.

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In Detmold angekommene Vertriebenenfamilie, 1948 (D 75 Nr. 6451)